Schräglage: Zwischen Bad Cannstatt und Münster liegen diese Steillagen mit alten Trockenmauern. Foto: Wulf Wager

Wo der Wengertschütz Schutz suchte
Von Gewölben, Inschriftensteinen und anderem Gemäuer

von Claus-Peter Hutter


Steinig: Die alten Weinbergmauern sind wie die Wengertschützen-Unterstände und deren Nachfolger – die Weinberghäuschen aus Holz mit Ziegeldach – wertvolle Kulturelemente einer über Jahrhunderte hinweg vom bäuerlichen Schaffen geprägten Landschaft. Foto: Archiv Umweltakademie


Ein Weinkeller mitten im Weinberg? Das kann nicht sein! Und doch sieht das aus Muschelkalksteinen ohne Mörtel sorgfältig zusammengefügte Gemäuer aus wie ein Gewölbekeller in Miniaturformat. Doch für ein ordentliches Weinfass oder etwa Kellereizubehör ist es viel zu klein. Was sucht dann solch ein Bauwerk im Weinberg?

Das mag sich mancher fragen, der irgendwo in den Rebhängen entlang des Neckars, der Enz, der Rems oder des unteren Murrtals und in den Einzugsgebieten unterwegs ist und diese Bauten aus Kalk- oder Sandsteinen entdeckt. Die kleinen Gewölbe haben zwar längst ihre einstige Bedeutung verloren, aber sie könnten uns vieles von der Kultur- und Landschaftsgeschichte, vom Weinbau und von der früheren Lebens- und Arbeitsweise der Wengerter erzählen. Wenn Steine nur reden könnten …

Die kleinen Gewölbe – oft mehrere Hundert Jahre alt – sind letztlich die Urform der Weinberghütten und des Bauens mit Steinen und ohne Mörtel. Sie erinnern im Innern an die Trulli in Apulien oder die Steinhäuser der Inkas in Südamerika. In den archaisch anmutenden Gewölbehäuschen haben die Wengerter einst Schutz vor Regen, Donner, Blitz und Hagel gesucht und, wenn die Sonne gnadenlos auf die Rebhänge niederknallte, auch erholsamen Schatten gefunden. Da das württembergische Kernland durch die Realteilung und dadurch erfolgte Besitzaufsplitterung das Armenhaus Europas war, hatten viele Bewirtschafter von Weinbergen weder ein Pferd noch eine Kuh und mussten zur harten Arbeit im Wengert vor die Tore der Städte und Dörfer ganz einfach laufen. Von wegen gute alte Zeit!



Eine Nische für Kerze und Vesper

Heute ist die Arbeit im Weinberg – insbesondere in den terrassierten Steillagen – zwar noch immer mühevoll, aber die Weingärtner kommen mit dem Auto oder dem modernen Traktor in ihren Wengert und fahren zum Vesper oder zum Mittagessen eben kurz mal heim. Dafür braucht es keine Schutz- und Gerätehütten. Und so werden die allermeisten Gewölbeunterstände heute nicht mehr benutzt. Früher waren sie mit Holztüren versehen und meistens weisen eine oder zwei Wandnischen darauf hin, dass man dort eine Kerze oder Petroleumlampe abstellen konnte. Sicherlich fand dort auch der mitgebrachte Backsteinkäse oder ein Stück Schinkenwurst als Vesper zusammen mit einem irdenen Most- oder Weingefäß mit Bügelverschluss oder einer Flasche Bier einen kühlen Platz.

Längst sind die Türen und der einst darin befindliche kleine Tisch und ein Stuhl ebenso verschwunden wie das Wissen um die frühere Nutzung dieser einmaligen Zeugnisse bäuerlicher Weingärtnerkultur. Viele sind heute mit Kräutern und Gräsern, die an Trockenheit angepasst sind, überwachsen oder von Schlehen oder anderem Gestrüpp zugewuchert. Manche größeren Gewölbehäuschen in den Weinbergen wurden von den Wengerterfamilien der Umgebung gemeinsam für den Weinbergschützen errichtet. Das waren die Männer, die einst mit Holzrätschen und später einer Wengerterpistole darauf achtgaben, dass die Starenschwärme die mühsam aufgepäppelten Trauben nicht weggefressen haben. Große Starenschwärme sieht man heute nur noch selten. Seit einigen Jahren haben zunächst Schussapparate und später digitale Geräuschgeräte Eingang in den Wengert gefunden. Diese ahmen die Angstschreie von Vögeln nach, die gerade von einem Falken geschlagen werden. Wie lange dies Amsel, Drossel und Star von den Weinbergen fernhalten wird, muss sich erst noch zeigen. Sicherlich haben sich die Weinberghüter, die dann auch gemeinschaftlich von den Wengerterfamilien einer Reblage bezahlt wurden, etwas bequemer im Steinhäuschen eingerichtet. Schließlich mussten sie ja auch viele Wochen von frühmorgens bis spätabends die Weinberge „bewachen“. Und so zeigen später verschlossene Löcher an der Vorderseite oder in der Gewölbedecke, dass Platz für ein Ofenrohr vorgesehen war.



Aussichtsreich: Den Dachfirst eines alten Weinberghäuschens hat sich ein Gartenrotschwanz als Singplatz auserkoren. So kommen im Wengert
Natur und Kultur zusammen.
Foto: C.-P. Hutter

Zeugen für frühere Weinberge

Solch steinerne Kleindenkmale gibt es auch in Gebieten, wo weder Trollinger- noch Riesling-, Lemberger- oder Kernertrauben wachsen. Sie sind dann oft im Gebüsch oder Wald versteckt und in den mit Natursteinmauern terrassierten Hängen Beweis dafür, dass die Weinbaufläche in Württemberg sich einst viel weiter ausdehnte als heute. Mit dem Aufkommen von Rebkrankheiten wie der Peronospora (Falscher Mehltau) und Schädlingen wie der Reblaus wurden die weniger optimalen Weinberglagen gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgegeben. Auch lohnte es sich für viele Menschen, die ab den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts Arbeit in den Fabriken fanden, nicht mehr, auch den allerletzten Zipfel Rebland zu bewirtschaften. Die meisten nicht südexponierten Hänge wurden nach und nach aufgegeben, und so gibt es im Glems-, Enz-, Metter-, im unteren Murrtal und an vielen anderen Stellen des Württemberger Kernlandes nur noch die steinernen Reste alter Weinbergkultur.

Wo das Gelände nicht völlig dem Wald überlassen wurde, legten die sparsamen Schwaben Obstwiesen an, und so gibt es auch zwischen Birnen-, Apfel-, Kirschen- und Zwetschgenbäumen den einen oder anderen ehemaligen Wengerterunterstand. Wo mit den radikalen Flurbereinigungen der 60er- und 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts vor allem die Keuperhänge glatt gehobelt wurden, sind die steinernen Kleindenkmale gänzlich verschwunden. Nur an der einen oder anderen Stelle wurden – ihrem örtlichen und landschaftlichen Bezug sowie ihrer einstigen Funktion beraubt – einzelne Unterstände zur Dekoration der jetzt eintönigeren Reblandschaft wieder errichtet. Nur selten finden sich Hinweise auf die Bedeutung der Gemäuer. In den nicht flurbereinigten Steillagen gibt es aber noch andere steinerne Kleindenkmale zu entdecken. Es sind Inschriftensteine, die auf frühere Besitzer von Weinbergen, lokale Ereignisse oder einfach das Errichtungsjahr von Mauern hinweisen. Auch ehemalige Türumrahmungen aus Sandstein – oft mit Datum und den Namenskürzeln ihrer einst stolzen Besitzer versehen – sind zu entdecken. Sie zeigen uns, dass einst jeder behauene und irgendwie brauchbare Stein, wenn er am Haus oder in der Scheune nicht mehr benötigt wurde, im Weinberg quasi als natürliches Recyclingmaterial wiederverwendet wurde. Kein Wunder, dass auch so mancher Grabstein, aus Sandstein behauene Spültische, alte Grenzsteine und andere Zeugnisse längst vergangener Zeiten vermauert wurden.



Zeitzeuge: Das Steingewölbe im Obstwiesenhang zeigt, dass hier einst Weinbau betrieben wurde.
Foto: Reinhard Wolf


Als Kleindenkmale katalogisiert

Dem Marbacher Reinhard Wolf ist es zu verdanken, dass diese für die Kulturgeschichte und das Heimatverständnis so wichtigen Kleindenkmale erfasst, beschrieben und katalogisiert werden. Wolf, stellvertretender Vorsitzender des Schwäbischen Albvereins und hauptamtlich Leiter des für Naturschutz zuständigen Referats beim Regierungspräsidium Stuttgart, hat Hunderte von Freiwilligen ermuntert, landesweit – nicht nur in den Weinbergen – diese Kleindenkmale zu erfassen: eine Gemeinschaftsaktion, für die es in Europa kein Beispiel gibt.

Und eine Aktion, für die Wolf die Denkmalämter, den Schwäbischen Heimatbund, den Schwäbischen Albverein sowie zahlreiche Landkreise, Städte und Gemeinden zusammengebracht hat. Jetzt ist zu hoffen, dass auch die Eigentümer der alten Wengerterunterstände und Inschriftensteine sich ihrer besonderen kulturellen Schätze bewusst werden. Schließlich sind sie wichtige Mosaiksteine im bäuerlichen Gesamtkunstwerk „historischer Weinberg“.


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Von Quitten, Pfirsichen und Co.
Neue Chancen für alte Einwanderer

von Claus-Peter Hutter


Alle Fotos: Umweltakademie

Claus-Peter Hutter

Das zarte Rosa von Pfirsich- und Mandelblüten und das leuchtende Weiß von Kirschen-, Zwetschgen- und Mirabellenbäumchen verleihen Ende März/Anfang April dem noch unbelaubten Weinberg erste Farbtupfer. Hier finden Schmetterlinge, die überwintert haben, wie Pfauenauge und Kleiner Fuchs, ebenso wie Wildbienen Nahrung. Frühheimkehrer unter den Zugvögeln – darunter Gartenrotschwanz und Girlitz – sowie hier ganzjährig lebende Vögel wie die Goldammer suchen eine Singwarte, um ihre Reviere abzugrenzen.

Solche Situationen können wir bald wieder mehr in den Weinbergen der Landeshauptstadt entlang des Neckartals sowie in den anderen Württemberger Anbaugebieten erleben. Denn nach der erfolgreichen Etablierung des umweltschonenden Weinbaus erwächst bei so manchem Wengerter auch wieder das Interesse an den früher weitverbreiteten, aber heute vielerorts verschwundenen Nutzgehölzen der Weinberge. Ob Weinbergquitte, Weinbergpfirsich, Echte Mandel, Kirsche, Zwetschge, Pflaume oder Mirabelle: Es waren vor allem wärmeliebende Nutzgehölze, die schon früh mit dem Weinbau in unsere Landschaft Eingang fanden. So wie einst der Trollinger – der als Tirolinger hier eingeführte Vernatsch aus Südtirol – oder heute Cabernet Sauvignon, Shiraz oder Merlot als Neubürger in den Wengert gelangten und gelangen, haben all diese Nutzgehölze letztlich einen fremdländischen Hintergrund. Zu Zeiten, als noch nicht das ganze Jahr über in den Supermärkten und Feinkostgeschäften alle möglichen Früchte angeboten wurden, nutzten die Wengerter ihre wärmeexponierten Rebhänge für allerlei Beipflanzungen, wodurch die Gehölze bald entsprechende Verbreitung fanden.

Wer sich auf eine kulturell-ökologische Spurensuche begibt, kann hier und da an den mit Natursteinen terrassierten Weinbergen des Neckartals zwischen Esslingen und Heilbronn, aber auch am Unterlauf der größeren Zuflüsse wie Enz, Kocher und Jagst fündig werden und bis zu 150 Jahre alte Quittenbäume und Sträucher entdecken. Mitunter findet man alte Einzelbäume auch in Bereichen, in denen der Weinbau längst aufgegeben wurde. Nach Kalamitäten durch Reblaus- und Peronospora (Falscher Mehltau), vor allem im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, wurden nämlich viele für den Weinbau eher suboptimale Lagen aufgegeben und ehemalige Weinbauterrassen in Obstgrundstücke verwandelt. Trotzdem blieben stellenweise so manche Überbleibsel aus der Weinbauzeit übrig – wie eben die langlebigen Quitten. Dass solche Elemente uralter Weinbergkultur auch wieder in den flurbereinigten Weinberggebieten Nischen finden und die Landschaft bereichern, ist Ziel der Aktion „Lebendiger Weinberg“. Die von der Umweltakademie Baden-Württemberg gemeinsam mit der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg und dem Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg entwickelte Aktion wird vom Verband der Prädikatsweingüter Württemberg sowie vom Württembergischen Weinbauverband und von den badischen Pendants sowie zahlreichen Weinbaugenossenschaften und Direktvermarktern breit unterstützt.

Vor den Toren Stuttgarts hat u. a. die Weingärtnergenossenschaft Collegium Wirtemberg, teilweise in Kooperation mit der Stadt Stuttgart, die früher in den Weinbergen nicht mal so seltene Echte Mandel in mehreren Exemplaren ausgepflanzt. Der übrigens mit dem Weinbergpfirsich verwandte Mandelbaum blüht schon im März, bildet seine Früchte aber erst im August bis September aus. Auch Gert Aldinger, Vorsitzender des Verbands Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter e. V., Regionalverband Württemberg, beteiligt sich an dieser Aktion und hat in seinen Weinbergen, die sowohl auf Fellbacher wie auch auf Cannstatter Markung liegen, schon die ersten echten „alten Weinbergquitten“ ausgepflanzt. „Es gibt viele Möglichkeiten, unsere Weinbaugebiete attraktiver für Mensch und Natur zu machen, ohne die Bewirtschaftung zu erschweren“, so Gert Aldinger. Dafür kommen Bereiche in Wegekurven der Weinberge ebenso infrage wie sogenannte Zwickel, also Grundstücksteile, die sich oft beim Zusammentreffen unterschiedlich geneigter Rebhänge ergeben und deren Bewirtschaftung ohnehin einen relativ großen Aufwand darstellt. Wurde die Mandel etwa 200 v. Chr. aus dem westlichen Mittelasien von den Griechen nach Italien und später von den Römern in unsere Gegend gebracht, so stammt die Quitte ursprünglich aus dem östlichen Kaukasus. Dort wurden Quitten vermutlich schon vor 4000 Jahren kultiviert.

Bei uns in Mitteleuropa sind sie wohl erst seit dem 9. Jahrhundert zu Hause und wurden vermutlich mit dem Weinbau durch die Klöster sowie die Schloss- und Burgherren eingeführt. Wer einmal ein reines Quittendestillat genossen hat, will auf die Quitte – aus der sich ja auch delikate Marmelade oder Gelee machen lässt – nicht mehr verzichten. Der schriftdeutsche Name Marmelade für das schwäbische „Gsälz“ kam letztlich auch über die Quitte zu uns. Die Portugiesen nannten Quittenkonfitüre „Marmelada“. „Solche Gehölze wie die Quitte gehören einfach zu unserem Natur- und Kulturerbe“, so Theo Harsch, Vorstandsmitglied der Weingärtnergenossenschaft Mundelsheim, der ebenfalls wieder Weinbergquitten hegt und pflegt. Weinberge waren auch die ersten Areale, in denen Pfirsiche in unseren Breiten – lange bevor es entsprechende Züchtungen auch für andere Standorte gab – angebaut wurden. Ursprünglich soll der Pfirsich aus dem mittleren und nördlichen China stammen, wo er schon 2200 vor Chr. kultiviert wurde. Später als die Quitte, nämlich „erst“ Ende des 16./17. Jahrhunderts kamen die Pfirsiche in unsere Weinberge. Über Jahrhunderte hinweg waren – gerade am Rand der Wengertgrundstücke oder im Übergangsbereich zu angrenzenden Wäldern, Hecken und Gehölzen – auch immer Zwetschgen beheimatet. Dabei handelt es sich um eine Unterart der Pflaume. Heute gibt es wohl mehr als 100 angebaute Sorten in Mitteleuropa. Vermutlich stammt die Zwetschge aus dem Gebiet südlich des Kaspischen Meeres. Doch kann die tatsächliche Herkunft wegen der vielen Kreuzungen heute nicht mehr eindeutig nachgewiesen werden. Dass Pflaumen und Zwetschgen in Mitteleuropa systematisch angebaut wurden, soll letztlich auf Karl den Großen zurückzuführen sein. Darauf deutet sein „Capitulare de villis“ hin, eine detaillierte Vorschrift für die Verwaltung seiner Güter, inklusive einer Liste mit den Namen der anzubauenden Nutzpflanzen. Nicht nur aus Zwetschgen kann man im Spätsommer leckere Kuchen backen oder Destillate herstellen, sondern auch aus ihren gelben Verwandten.

Die Mirabelle – früher auch in vielen Weinbergen zu Hause – ist wohl eine Kreuzung aus der einst von Alexander dem Großen in den Westen gebrachten Pflaume und der in Klein- und Mittelasien beheimateten und oftmals bei uns in ehemaligen Weinbergen, an Waldrändern oder in aufgegebenen Obstplantagen gedeihenden Kirschpflaume und der Schlehe. Wann immer wir diese Früchte genießen, erleben wir also – ohne uns dessen bewusst zu sein – lebendige Natur- und Kulturgeschichte, die weit zurückreicht. So wurden die Mirabellen nachweislich in Griechenland schon vor 2500 Jahren kultiviert.

Oft fanden sich früher am Rande von Weinbergen, unmittelbar bei den Weinberghäuschen, Wegegabelungen und anderen Plätzen, auch Kirschbäume. Wo immer möglich, sollten wir diese Rosengewächse – wenigstens in Form von halbstämmigen Exemplaren – wieder zur Optimierung der Landschaft pflanzen. Solche Pflanzungen will jetzt auch Felix Graf Adelmann – Inhaber des gleichnamigen Weingutes in Steinheim-Kleinbottwar – umsetzen und damit die von seinem Vater, Michael Graf Adelmann, begonnene Auflockerung der Rebfläche durch eine Heckenzone im Sinne der Biotopvernetzungen ergänzen. In Europa wurden die ersten Edelkirschbäume wohl durch den römischen Feldherrn Lucius Licinius Lucullus eingeführt. Er brachte sie nach einem seiner vielen Feldzüge aus Kleinasien mit. Zu der Zeit war jedoch die wilde Vogelkirsche – aus deren sehr kleinen, aber schmackhaften Früchten ebenfalls hervorragende Destillate gewonnen werden können – schon lange Teil unserer heimischen Gehölzflora.

Wohl nicht so lange sind Feigen in manchem Weinberg zu Hause. Einige befinden sich am berühmten Käsbergweg im Bereich der Neckarschlaufe zwischen Mundelsheim und Hessigheim. Die Heimat der Echten Feige ist heute nicht mehr bekannt. Vermutet wird, dass sie aus Südwestasien aus einem Gebiet zwischen der Nordost-Türkei und dem Kaspischen Meer stammt. Jedoch wurde sie schon in der Antike im gesamten Mittelmeerraum kultiviert. Immer wieder wurden versuchsweise Feigen auch in unseren Steillagen-Weinbergen gepflanzt, was jedoch in Zeiten mit strengen Wintern nicht immer von Erfolg gekrönt war. Mittlerweile gibt es neuere Züchtungen, die ziemlich frostbeständig sind und bis zu minus 15 Grad Celsius ertragen. All diese Beispiele zeigen, dass der Weinberg als Lebensraum ein lebendiges Bindeglied zwischen der Natur und Kultur Mitteleuropas, des Mittelmeerraums sowie Kleinasiens, des Kaukasus und des Fernen Ostens darstellt. Dies gilt zumindest im Hinblick auf die über viele Jahrhunderte im Weinberg gepflegten Gehölze. Jetzt liegt es an den Wengertern, wie viel Natur sie wieder in ihre Rebhänge einziehen lassen wollen. Vielleicht können wir schon in wenigen Jahren an mehr Stellen als heute einen bunteren Frühling im Weinberg erleben. Ein Anfang ist gemacht, aber viele Potenziale gilt es noch zu nutzen.


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Sonne, Steine, Spezialisten
Überlebensstrategien am steilen Weinberghang

von Claus-Peter Hutter


Wunderschön: Der Schwalbenschwanz ist auf Doldenblütler wie die Wilde Möhre oder die Weinraute angewiesen. | Foto: Umweltakademie/Claus-Peter Hutter

Eins, zwei, eins, zwei: Langsam setze ich einen Fuß vor den anderen. Gnadenlos brennt die Sonne auf den steilen Hang. Mit jedem Schritt im Weinberg steigt auch mein Respekt vor der Arbeit der heimischen Wengerter. Ob in den traditionellen, seit über tausend Jahren fast ununterbrochen bewirtschafteten Terrassenweinbergen mit ihren charakteristischen Trockenmauern im Muschelkalk entlang des Neckars, der Enz sowie am Unterlauf von Kocher und Jagst oder in den flurbereinigten Rebanlagen in den Keupergebieten des Remstals, des Bottwartals, des Zabergäus, in der Umgebung von Heilbronn und Weinsberg: Die Arbeit am steilen Hang ist für die Wengerter beileibe nicht vergnügungssteuerpflichtig. Doch im Gegensatz zu den vielfach flachen Rebanlagen der Pfalz gedeiht der meiste Wein in Württemberg an sonnenexponierten, steilen Hängen. „Dies ist mit einem größeren Aufwand verbunden, bringt jedoch hervorragende Weinqualitäten“, so Dr. Günter Bäder, Leiter der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg und des dazugehörigen Staatsweinguts.

Knallig: Die Männchen der Zaunei­dechse sind leuchtend grün gefärbt. | Foto: Umweltakademie/Claus-Peter Hutter

Trotz manch moderner Gerätschaften und Hilfsmittel ist die Arbeit im Weinberg vor allem in den Sommermonaten eine schweißtreibende Angelegenheit. Mitunter, wenn ich an heißen Tagen mit Foto und Notizblock in einem Wengert unterwegs bin, kommt es mir gerade so vor, als ob unsere Weinberge menschenfeindlich wären. Umso verwunderlicher ist es, dass die steilen, sonnenverwöhnten Hänge für manche Tier- und Pflanzenarten geradezu ideale Lebensräume darstellen. Es gibt sogar Überlebensspezialisten, die sich solch extremen Umweltbedingungen wie Hitze und Trockenheit angepasst haben. Dafür haben sie unterschiedliche Strategien entwickelt. Da ist etwa das Zymbelkraut, das sich mitunter an Weinbergmauern oder auch Steinriegeln findet. Die Pflanze mit ihren kleinen, an Veilchen erinnernden blasslila Blüten treibt ihre feinen Wurzeln bis zu zwei Meter durch die Mauerritzen in das dahinterliegende Erdreich hinein und ist so auch an trockenen Tagen mit genügend Feuchtigkeit versorgt.


Pflanzen mit Verbreitungsstrategie

Auch für die Verbreitung hat diese einst mit dem Weinbau aus dem Mittelmeerraum eingewanderte Pflanze eine eigene Strategie entwickelt. Sind die kleinen Blüten befruchtet, entfernen sie sich vom Licht und wachsen den Mauerspalten entgegen. Dadurch werden die Samenkapseln an einen günstigen Keimort gebracht. Manche Arten, wie das ebenfalls an Mauern oder Lesesteinhaufen häufig anzutreffende gelbblühende Schöllkraut, der Scharfe Mauerpfeffer und die Schafgarbe, bedienen sich bei der Besiedelung geeigneter Standorte sogar fremder Hilfe: Die Samen solcher Pflanzen besitzen nämlich Stärke- oder fettreiche Anhängsel, eine bei Ameisen beliebte Nahrung. Mit den Anhängseln werden die Samen von den kleinen Insekten verschleppt. So manches geht durch die flinken Krabbler verloren, und so gelangen die Samen in neue Mauerfugen oder Spalten zwischen dem Geröll der Lesesteinhaufen. Diese Pflanzen werden deshalb auch von Botanikern als Ameisenwanderer bezeichnet.


Graziös: Die Steillagen am Neckar mit ihren vielfältigen Strukturelementen bieten einer Vielzahl von Pflanzen und
Tieren Heimat. | Foto: Umweltakademie/
Claus-Peter Hutter

Flora mit Verdunstungsschutz

Damit sie an den extremen Standorten gedeihen können, haben manche Pflanzen gegen die Hitze spezielle Mechanismen entwickelt. Hauswurz – früher auch auf Dächern und Mauerkronen zum vermeintlichen Schutz vor Blitzeinschlag und anderem Unheil gepflanzt –, der Scharfe Mauerpfeffer sowie die verschiedenen Fetthennenarten sind sogenannte Sukkulenten. Ähnlich den Kakteen speichern diese Pflanzen in ihren dicken, ledrig wirkenden und walzenförmigen Blättern die Feuchtigkeit. Meist ist die Blattoberfläche noch mit einer schützenden Wachsschicht überzogen. Die Färberkamille, deren Namen bereits darauf hindeutet, dass man die Blüten früher zum Färben verwendet hat, besitzt – ähnlich wie die Scharfgarbe – auf den gefiederten Blättern feinste Härchen, die ebenfalls vor Verdunstung schützen. Beide Arten gedeihen auch zwischen den Rebzeilen moderner Weinberganlagen, wenn der Natur dazu eine Chance gegeben wird. Besondere Überlebensstrategien haben auch Kleinfarne entwickelt, die sich mitunter an Weinbergmauern finden. Im Hochsommer, wenn bei starker Sonneneinstrahlung die Temperaturen auf den Steinquadern schon mal 65 Grad Celsius betragen, schützt sich der Braune Streifenfarn mit einem besonderen Mechanismus. Denn bei Temperaturen über 50 Grad gerinnt der Zellinhalt höherer Pflanzen. Damit die Pflanze nicht abstirbt, muss dieser Farn gegen das Verbrennen gesondert geschützt sein. Um dem Austrocknen entgegenzuwirken, rollt die Pflanze die kleinen Blättchen ganz eng zusammen, womit dem Feuchtigkeitsverlust vorgebeugt wird. Eine ähnliche Strategie hat auch der selten gewordene, aber an einigen Stellen der Muschelkalkterrassen des Neckartals noch vorkommende Schriftfarn entwickelt. Der Kleinfarn hat auf der Blattunterseite feinste Härchen. Wird die Blattunterseite nach oben gestreckt, so ist dies ein hervorragender Verdunstungsschutz. Gegen allzu übertriebenen Ordnungssinn schützt dieser jahrtausendbewährte Mechanismus den Felsbewohner natürlich nicht. „Die faszinierende Flora der Weinbergmauer kann sich nur entwickeln, wenn die Mauern nicht abgespritzt werden. Dies ist ohnehin verboten, und man sollte auch bedenken, dass die Pflänzchen den Trockenmauern keinesfalls schaden“, so Hartmann Dippon, Inhaber des biologisch wirtschaftenden VDP-Betriebes (VDP: Verband Deutscher Prädikatsweingüter e.V.) Schlossgut Hohenbeilstein.


Mysteriös: Wo es vielfältige Strukturen in Weinbergen gibt, sind auch entsprechende
Tier- und Pflanzenarten zu finden. | Foto: Umweltakademie/Claus-Peter Hutter

Sonnenanbeter unterwegs

Wo es entsprechende Strukturen gibt, gibt es auch bei den Tieren richtige Sonnenanbeter in den Weinbergen. Dazu gehören die wärmeliebenden Eidechsen. Charakteristisch für das Neckartal und seine Seitentäler sind an manchen Mauern die schlanken, braungrauen Mauereidechsen. Diese kommen schon morgens aus den Spalten und Ritzen der Mauern, um sich zu wärmen. Bei zu großer Hitze ziehen sie sich in ihre Verstecke – die sie auch in Reisighaufen und Gestrüpp suchen – zurück. Kolonien von Mauereidechsen gibt es sogar mitten in Stuttgart. So etwa im Kriegsberg-Wengert der Industrie- und Handelskammer, oberhalb der Jägerstraße und in einigen alten Gärten, die noch Mäuerchen aufweisen, etwa im Gebiet entlang der Birkenwaldstraße, rechts und links des Herdwegs und in der Dillmannstraße sowie den angrenzenden Arealen hin­auf bis fast zum Feuerbacher Wald. „Solche Vorkommen zeigen, dass vor mehr als 100 Jahren in diesen Gegenden Weinbau betrieben wurde“, so der Artenschutzexperte bei der Umweltakademie Baden Württemberg, Fritz-Gerhard Link.

Raffiniert: Fetthennen speichern Wasser in ihren fleischigen Blättern. | Foto: Umweltakademie/Claus-Peter Hutter

Zurück zu den Weinbergen: Auch die noch weitverbreitete, aber vielerorts ebenfalls selten gewordene Zauneidechse benötigt ausreichende Versteckmöglichkeiten. Doch sind die etwas robuster wirkenden Saurier im Miniformat, deren Männchen grünlich und die Weibchen bräunlich gefärbt sind, im Hinblick auf den Lebensraum nicht ganz so wählerisch. Deshalb legen Wengerter, wie etwa die um Weinstadt-Großheppach, die Weingärtnergenossenschaft Brackenheim oder Privatweingüter wie die VDP-Betriebe von Karl Haidle und Gert Aldinger wieder Lesesteinhaufen und kleine Trockenmauern an, um den Sonnenanbetern der Tier- und Pflanzenwelt eine Chance zu geben. Gedeihen dort dann auch Weinraute, Wilde Möhre und andere Doldenblütler, dann gibt es auch kleine ökologische Bausteine für den farbenprächtigsten heimischen Schmetterling, den Schwalbenschwanz. Diese Art scheint die Weinbergsanhöhen geradezu zu lieben. Denn wie zur Revierabgrenzung umkreisen die Falter an schönen Sommertagen die Hügelkuppen. „Hilltopping“ nennen das die Schmetterlingsspezialisten. Damit all diese Erlebnisse auch in Zukunft noch möglich sind und wieder häufiger werden, gilt es, den heimischen Wengertern gerechte Preise für ihre Topprodukte zu bezahlen und Bestrebungen der EU-Agrarbürokratie entgegenzuwirken. Würde nämlich die Anbaubegrenzung für Reben auf besonders für den Weinbau geeignete Lagen in der Europäischen Union fallen, wäre der Weinbau im Bereich der steilen Lagen nicht mehr konkurrenzfähig. Beste Produkte wären dann ebenso Vergangenheit wie die bunte Welt der Überlebensstrategen im Wengert.



Cannstatter Zuckerle
Ein Bonbon für Weinkenner


von Ute Böttinger


Geschmeidig wie Honig fließt er ins Glas, konzentrierte Frucht­aromen verströmend. Und er schmeckt genauso, wie er aussieht: unglaublich lecker und schwer süß! Der „2004er Cannstatter Zuckerle Riesling Eiswein“ lässt den Weinkenner mit der Zunge schnalzen und macht dem Namen dieser Württemberger Einzellage alle Ehre. Mit seinem Restzucker von 165 g/l ist dieser Süß- oder Dessertwein ein höchst seltener Tropfen, geradezu eine Rarität der Cannstatter Weingärtner.

Terrassen: Der Cannstatter Zuckerberg über dem Neckar | Foto: Wolfgang Schmidt

Die Lage Cannstatter Zuckerle, steht mit ihrer Ausrichtung - vor allem gen Süden – sicherlich für sonnenverwöhnte Trauben mit deshalb durchaus hohen Öchslegraden. Lieblich, zuckrig, süß oder, noch schlimmer, irgendwie pappig klebend kommen die Weine aus dem Cannstatter Zuckerle keinesfalls daher. Dagegen zeichnet diese Württemberger Einzellage für vollmundige, trockene und hochkarätige Tropfen. Dafür sorgen das besondere Terroir plus die meisterliche Handwerkskunst im Keller.


Steillage

Als „unser Kern- und Prachtstück“ loben die Cannstatter Weingärtner schon deshalb ihr (Wein-)filet. Rund 20 Hektar umfasst das Cannstatter Zuckerle. Eine Zahl, die hoch angesiedelt ist. Schließlich stehen Steinterrassen für den Boden auf dem die Trauben für außergewöhnliche Weine wachsen, denn mit einer extremen Hangneigung zählt das Gebiet Cannstatter Zuckerle zu den Steillagen Württembergs. Für die Wengerter ist die Arbeit zwischen den Rebzeilen kein Zuckerschlecken. Vielmehr fließen Schweiß und nicht weniger Herzblut ins Zuckerle. Von Andreas und Martina Guigas zum Beispiel. Das Stuttgarter Ehepaar hatte 2003 die Idee, ein Obstbaumgrundstück zu pachten, als Spielwiese in Sachen Most. Allerdings schwenkten die beiden dann in den Weinberg um. Zunächst waren es 22 Ar, die der Heilerziehungspfleger und die Verwaltungsangestellte in ihrer Freizeit bewirtschafteten. Heute sind es 1,5 Hektar Anteil am Cannstatter Zuckerle. Lemberger, Trollinger und „ein bisschen Merlot und Shiraz“ hängen im Wengert der Guigas. „Klar“, sagt Andreas Guigas, „die Zeit draußen im Weinberg lässt sich nicht rechnen.“ Die Handarbeit in Steillage, dazu noch die Pflege der Trockenmauern: „Ein enormer Aufwand“, resümiert der Weinquereinsteiger. Woanders als im Wengert würde der 51-Jährige seine freie Zeit allerdings keinesfalls verbringen wollen. Vielmehr sieht er sein Hobby als Weiterbildung: „Die Weingärtnergenossenschaft ist da ein großer Vorteil, eine tolle Kollegialität, man lernt von den anderen.“ Freizeitwengerter wie Guigas sind allerdings Exoten bei der Bad Cannstatter Weingärtnergenossenschaft. Mit rund 4o aktiven Mitgliedern und einer Rebfläche von gut 45 Hektar verstehen sich die Bad Cannstatter „als Betrieb auf Weingutniveau“, sagt Vorstand Gerhard Schmid. Berg, Kriegsberg, Steinhalde und das Zuckerle stellen die vier Einzellagen der Genossenschaft. Nahezu 40 Prozent der Rebstöcke stehen in terrassierter Steillage wie dem Zuckerle. „Eine der besten Lagen in Württemberg“, betont Schmid. Vor allem Trollinger und Riesling, Lemberger und Spätburgunder gedeihen prächtig auf dem Cannstatter Zuckerle. Muschelkalk und Keuper geben hier den Bodenton an. „Das gibt natürlich tolle mineralische Weine, eben mit dem typischen Bodagfährtle“, erklärt Kellermeister Thomas Zerweck.


Familiär: Wengerterhäusle im Zuckerle | Foto: Wulf Wager

Hanglage

Dass Reben besonders gut an Stuttgarter Hanglage gedeihen, wussten schon die Römer. Brachten sie doch die Rebstöcke über die Alpen. Und noch zeugt das einstige Reiterkastell im Cannstatter Stadtteil Hallschlag von römischer Präsenz. „Wasser und Wein“, könnte man heute Bad Cannstatt ans Revers heften. Die Weindominanz im einwohnerstärksten und ältesten Stadtbezirk der Landeshauptstadt paart sich mit mineralreichem Wasser. 19 Quellen machen Bad Cannstatt so auch zum Terrain mit dem zweitgrößten Mineralwasservorkommen Europas.


Ertragslage

Weinmacher Thomas Zerwecks Terrain ist die Kunst, den Most aus den Cannstatter Weingärten im Keller zu veredeln. Die Weine aus dem Zuckerle sind geprägt vom Terroir. Weil schließlich ohnehin nur der Wein Terroir zeigen kann, der wirklich hochwertig ist, liegen diese Tropfen im Premiumbereich. Die ausschließliche Handarbeit an den bis zu 80 Jahre alten Rebstöcken, ertragsreduziertes Lesegut, 100-prozentige Maischegärung, der Ausbau in kleinen Eichenholzgebinden, all dies bringt Spitzenweine. Einer davon, der „2007er Cannstatter Zuckerle Lemberger ** trocken“, versüßte im April 2009 den Stars und Sternchen der deutschen Filmwelt den Abend. Bei der Preisverleihung des Deutschen Filmpreises im Palais am Funkturm in Berlin nippten die Preisträger an Württemberger Genossenschaftsweinen. Der dichte, kräftige Rotwein mit Aromen von Brombeere, Pfefferminze und Zartbitterschokolade glänzte mit 4,8 g/l Säure, 13,9 Volumenprozent Alkohol und 2,2 g/l Restzucker.

Ihren Namen verdankt die Einzellage Cannstatter Zuckerle übrigens ausschließlich der Gewannbezeichnung Zuckerberg, eine Flurfläche, die sich entlang des Neckars zwischen Cannstatt und Hofen erstreckt. Süß kommen die Weine aus dem Zuckerle deshalb nur als Eiswein-Raritäten daher.


Das Cannstatter Zuckerle gehört zur Großlage Weinsteige und umfasst rund 20 Hektar. Flächen dieser Einzellage finden sich neben Bad Cannstatt noch in den Stadtteilen Münster, Hofen und Mühlhausen. Das Cannstatter Zuckerle besteht nahezu ausschließlich aus terrassierter Steillage in West-, Süd-, und Südostausrichtung.



Steinreiches Neckartal
In den Terrassenweinbergen von Stadt und Region
Stuttgart geben sich Natur und Kultur vielfach die Hand

von Claus-Peter Hutter


Da zahlen so manche Fernreisende viel Geld, um nach Peru zu reisen und dort die Inka-Steinterrassen von Machu Pichu zu bestaunen, dabei schlängelt sich – quasi gleich vor der Haustüre – ein steinernes Wunder entlang des Neckartals und seiner Seitentäler.

Weinstein: Ohne Mörtel wurden die Natursteinmauern der Terrassenweinberge sorgsam
und mit viel Geschick aufeinander gefügt.
Foto: Claus-Peter Hutter
Es sind die terrassierten Weinberge mit ihren Naturstein-Trockenmauern. Kunstvoll zusammengefügte Front- und Seitenmauern sind zusammen mit steilen Wengertstaffeln oftmals mit anstehenden Felsen verwoben. Dazwischen finden sich an manchen Stellen steinerne Gewölbeunterstände und pittoreske alte Weinberghäuschen, die – etwa zwischen Stuttgart-Bad Cannstatt und Ludwigsburg-Poppenweiler – von einer wahren Liebe der Wengerter zu ihren Weinbergen künden. Dabei hätten die Menschen in früheren Zeiten allen Grund gehabt, die schwere Arbeit im steilen Gelände zu hassen. Ohne maschinelle Hilfe mussten Steine gebrochen, herbeigeschafft und mühevoll aufgeschichtet werden. Im Weinberg wurde mühsam von Hand gehackt und gespritzt. Trotz mancher technischer Errungenschaften und Hubschrauberbespritzungen am steilen Hang, verlangt ein terrassierter Weinberg heute fast den dreifachen Aufwand gegenüber modernen Weinbau-Anlagen. Doch dies wird mit einer besonderen Weinqualität belohnt. Denn die Trockenmauern speichern die Sonnenwärme an den Hängen und geben sie während der Nacht wieder an die Umgebung ab. Trockenmauern sind damit nicht nur die Kachelöfen der Steillagen-Weinberge, sondern auch Zeugen einer uralten, bäuerlichen Handwerkskunst. Denn die Fertigkeit des Aufeinanderfügens von Natursteinen ohne Mörtel gehört neben der Verarbeitung von Holz wohl zu den ältesten Bautechniken der Menschheit. Daran erinnern uns so weltbekannte Bauwerke wie die Pyramiden in Ägypten, die Reisterrassen in Thailand oder eben die Ruinen von Machu Pichu und andere Bauten von Inkas und Azteken. Nahezu alle steileren Weinbauhänge in Württemberg waren einst mit Trockenmauern terrassiert. Je nach Umgebung wurden die Trockenmauern kunstvoll mit Muschelkalk-Steinen (z.B. Stuttgart-Mühlhausen und Neckartal bis Lauffen einschließlich Enztal) oder Sandstein (z.B. Stuttgart-Rotenberg und Stuttgart-Uhlbach, Esslingen, Remstal, Bottwartal) errichtet. Und dann gibt es Weinbergterrassen mit Sandsteinmauern mitten in der Stuttgarter City, so etwa am Kriegsberg, gleich hinter den Zentralen von IHK und LBS. Der Bau einer solchen Mauer ist eine wahre Kunst, denn es müssen verschiedene Regeln beachtet werden, soll das Ganze nicht schon bald wieder einstürzen. Dazu gehört, dass das sogenannte Hintergemäuer ebenso sorgsam zusammengefügt werden muss wie die Frontmauer. Je nach Höhe des Bauwerks muss der nicht sichtbare Teil zwischen einem halben und einem ganzen Meter in den Hang hineinreichen. Genauso wichtig: Die Mauer braucht einen Anlauf, das heißt, vom Mauerfuß bis zur Mauerkrone erhält sie eine Neigung nach hinten, was die Stabilität erhöht. Früher musste das Baumaterial noch aus meist nahe gelegenen Steinbrüchen herausgearbeitet, behauen und mit Ochsenkarren oder Pferdegespannen an die Hangkante oder den Fuß der Weinberge transportiert werden.


Blickpunkt: In Stuttgart und Umgebung gibt es gut tausend Jahre alte Weinbergterrassen
zu bestaunen.
Foto: Claus-Peter Hutter
Mauer ohne Mörtel

Wer einmal selbst versucht hat, ein paar Natursteine zu einer stabilen Mauer aufzuschichten, kann ermessen, welche Arbeit geleistet werden musste, um an den sehr steilen Hängen eine Mauer so entstehen zu lassen, dass sich der Wengerter sein Leben lang nicht nicht mehr darum kümmern musste. Dies demonstrierte im Frühjahr Rolf Berner, Vorstandsvorsitzender des Collegium Wirttemberg, Weingärtnergenossenschaft Rotenberg/Uhlbach gemeinsam mit Baden-Württembergs Landwirtschafts- und Naturschutzminister Peter Hauk. Im Rahmen der von der Umweltakademie Baden-Württemberg gemeinsam mit der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Obst- und Weinbau Weinsberg, dem VDP und dem Weinbauverband Baden-Württemberg initiierten Aktion „Lebendiger Weinberg“ wurde in einem historischen Rotenberger Wengert gezeigt, wie man Mauern repariert. Betrachtet man den großen Aufwand, den unsere Vorfahren für das Errichten der Weinberge betrieben haben, so hat man besonderen Respekt vor den Terrassen-Weinbergen. „Es muss alles getan werden, die Steillagenweinberge als lebendiges Kultur- und Naturerbe und wichtige Bindeglieder unserer Kulturlandschaft zu erhalten“, so Minister Hauk beim Pressetermin der Umweltakademie. Während viele der kunstvoll errichteten Mauern, der leichteren Bewirtschaftung wegen vor allem in den Keupergebieten etwa oberhalb von Uhlbach, Untertürkheim, Bad Cannstatt und rings um Fellbach sowie rund um Heilbronn, im Weinsberger Tal, im Zabergäu, im Bottwar-, Kirrbach- und Remstal, den Rebflurbereinigungen vor allem in den 60er- und 70er- sowie den 80er- Jahren des 20. Jahrhunderts zum Opfer fielen, blieben an den steilen Muschelkalkhängen die faszinierenden Terrassenlandschaften erhalten.


Farbe: Die Früchte der Kermesbeeren wurden noch
vor 200 Jahren zum Färben des Weins verwendet. Heute wissen das selbst viele Wengerter nicht mehr. Foto: Claus-Peter Hutter
Steinreich

Zusammen genommen bilden sie ein einmaliges Gesamtkunstwerk bäuerlicher Bau- und Handwerkstradition. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, wie die Terrassen und die dafür notwendigen Mauern ohne Aufzüge und andere technische Hilfsmittel angelegt wurden. Für die Rebsteillagen des Neckars wurde pro Hektar eine Gesamtoberfläche von bis zu 5000 m2 Trockenmauern errechnet. Diese bieten mit ihren vielen Kleinstrukturen Lebensraum für eine interessante – oft mediterran anmutende – Lebenswelt. Dazu gehören stellenweise Hauswurz, Weinraute, Fetthenne, Osterluzei sowie Mauereidechse, Schlingnatter und Weinhähnchen. Natürlich wurden die Terrassen vor Jahrhunderten nicht aus ökologischen Gründen, sondern aus der puren Not von den Menschen im Neckartal angelegt. Wie an vielen Orten der Erde, waren Steilhänge eben nur durch die Terrassierung wirtschaftlich nutzbar zu machen. Noch gibt es keine genauen Berechnungen, aber aneinander gereiht, dürften die Weinbergmauern zwischen Plochingen und Gundelsheim gut 1300 km Länge betragen. Rechnet man das gesamte Gesteinsmaterial einschließlich des so genannten Hintergemäuers, dann ist hier wohl mehr Gestein vermauert, als in der Cheopspyramide. Aber nicht, um einem einzelnen Herrscher zu huldigen, sondern einfach aus bäuerlicher Not heraus. Und so sind die Weinbergmauern als Kulturerbe und ökologisch bedeutsames Landschaftselement auch Sinnbild für den Überlebenswillen der Menschen im Neckartal. Nimmt man die normalen Kostensätze, welche ein Landschaftsgärtner heute berechnen muss, wenn er das Natursteinmaterial heranschaffen und eine Trockenmauer errichten will, so haben die Weinbergterrassenmauern entlang des Neckars einen Material- und Arbeitsgegenwert von (vorsichtig gerechnet) mindestens 14 Milliarden Euro. Der landschaftsästhetische, landschaftsökologische und kulturelle Wert natürlich nicht eingerechnet! Das Neckartal im Spannungsfeld von Weinbergterrassen und Schlössern, Museen und Industriearchitektur, hätte längst den Status des Weltkulturerbes verdient. Besonders imposant ausgeprägt sind die Steillagenweinberge an den Bereichen Stuttgart-Bad Cannstatt, Stuttgart-Mühlhausen, Ludwigsburg-Poppenweiler sowie entlang des Neckars zwischen Marbach und Ingersheim und entlang der Neckarschlaufen von Mundelsheim, Hessigheim und Besigheim sowie dann wieder zwischen Wahlheim, Gemmrigheim und Kirchheim am Neckar.


Kulturlandschaft

Dieses wertvolle Natur- und Kulturerbe konnte letztlich nur erhalten werden, weil das Land Baden-Württemberg schon frühzeitig begann, Steillagen-Weinbauprogramme aufzulegen, um die mühsame Arbeit der Wengerter zu unterstützen. Die beste Vision für die markanten Hänge ist wohl, sie einfach so für kommende Generationen zu erhalten. Dieser Teil unserer Kulturlandschaft ist so perfekt und einmalig, dass alles Erdenkliche getan werden muss, um auch heranwachsende Wengerter zu motivieren, die mühevolle Arbeit am steilen Hang auf sich zu nehmen. Und hierzu bedarf es aufgeklärter Konsumenten, welche bereit sind, für solcherart erzeugte, hochqualitative Weine auch die entsprechend gerechten Preise zu bezahlen. Dann bleibt nicht nur ein Herzstück der Neckarlandschaft am mittleren und unteren Neckar erhalten, sondern es ergeben sich auch vielfache Chancen für den Landschafts-Erlebnis-Tourismus der Zukunft.



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