Trollinger an der Waterkant
Stuttgarter Weindorf zum 28. Mal zu Gast in Hamburg


Schwabenimport: Stuttgarter Weindorf auf dem Rathausmarkt
in Hamburg. Foto: Pro Stuttgart
Im Juni war es wieder so weit: Das Stuttgarter Weindorf war als Botschafter schwäbischer Lebensart zu Gast in Hamburg. Hamburger und Touristen waren gleichermaßen eingeladen, schwäbische Köstlichkeiten und die Württemberger Rebsortenvielfalt zu probieren.

Seit 1986 betreiben Wengerter und Gastronomen aus Stuttgart und der Region das Weindorf. Veranstalter ist der 128 Jahre alte Bürgerverein Pro Stuttgart e. V. Vor 18 Jahren schenkten die Weindorfwirte der Hamburgischen Bürgerschaft als Dank für die hanseatische Gastfreundschaft einen eigenen Weinberg. Zurzeit wachsen 100 Reben am Stintfang oberhalb der St. Pauli Landungsbrücken. Im Herbst geht die kulinarische Städtepartnerschaft in die zweite Runde: Dann kommt der Hamburger Fischmarkt nach Stuttgart.

„Wir wollen ein Stück Schwaben mit in den Norden bringen und freuen uns, wenn die Besucher des Stuttgarter Weindorfs bei uns von ihrem Alltag abschalten können“, sagt Axel Grau, Geschäftsführer von Pro Stuttgart.



Neu: Schmücker’s Ox-Laube und
Schokoladen-Schmankerl

Michael Schmücker war einer der drei Neuen unter den zehn Weindorfwirten und verwöhnte seine Gäste mit saftigem Ochsenfleisch. Die Ochsenbraterei legt besonderen Wert auf Tradition: Das Fleisch wird vor den Augen der Besucher wie schon vor Jahrhunderten am Drehspieß gebraten, wodurch es besonders zart bleibt.

Die Laube „Stäffelesrutscher“ (Nr. 8) thematisierte erstmals die Genusswelt von Wein- und Schokolade. Gourmets konnten hochwertige Weine des Staatsweinguts mit feinsten Schokoladespezialitäten des offiziellen württembergischen Genussbotschafters der Manufaktur Schell in Gundelsheim probieren. Das kam an!



300 Weinsorten und schwäbische Kulinarik satt

Besucher des Weindorfs konnten zwischen 300 schwäbischen und badischen Weinsorten wählen. Im Ländle wie auch in Hamburg wird der Trollinger traditionell aus dem Viertelesglas genossen. Dazu boten die Wirte ihren Gästen verschiedene schwäbische Spezialitäten an, zu denen beispielweise „Mauldascha“ (Maultaschen), „Bubaspitzla“ (Schupfnudeln), „Flädla“ (dünne Pfannkuchen) oder der traditionelle Nachtisch „Ofenschlupfer“ gehören. Jedes Gericht wurde mit einem Sößle verfeinert, denn bekanntermaßen sind die Schwaben Soßenliebhaber. Die Zutaten für die Gerichte stammten – soweit möglich – aus den Regionen Stuttgart und Hamburg und wurden frisch gekocht und zubereitet.

Zu all dem kulinarischen Genuss kam der musikalische hinzu – verschiedene Künstler unterhielten die Gäste in den Lauben mit angenehmen Klängen.

www.stuttgarter-weindorf-hamburg.de
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Vom hohen Norden ins Zentrum des
Württemberger Weins
Zwei Hamburgerinnen servieren auf dem Schillerplatz

von Stefan Schmidt

Kompetent: Daniela (links) und Christin Reibe bedienten schon auf dem Weindorf in
Hamburg – und 2012 ertmals in Stuttgart in
der Laube der Löwen-Wirtin.
Foto: Monika Bönisch

Auf dem Vorplatz Papierchen und Kippen vom gestrigen Abend zusammenkehren, die schmutzigen Aschenbecher spülen und abtrocknen, am Ausschank Getränke bereitstellen, die Tische abwischen, eindecken, mit Blümchen plus Tischnummern dekorieren und Speisekarten verteilen. Kuchen schneiden am Tresen, Servietten bündeln …

Es ist gegen 9.30 Uhr auf dem Stuttgarter Weindorf – in und vor der Laube der Weinstube Löwen läuft alles wie am Schnürchen. Einen Chef oder eine Chefin, die Anweisungen geben würden, sieht man nicht. Jeder und jede der meist jungen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen weiß genau, was zu tun ist, jeder Handgriff sitzt. Sie haben eben noch zusammen gefrühstückt, ein bisschen geplauscht und gescherzt, noch etwas müde vom langen Vorabend; doch dann ging’s los. Die Zeit bis elf Uhr, wenn das Weindorf öffnet, vergeht rasch. In der Laube von Christine und Herbert Winkle, den Löwen-Wirten aus Stuttgart-Uhlbach, sind im Schnitt etwa 30 Leute beschäftigt. Einige von ihnen kommen aus Hamburg, so wie die beiden Servicekräfte Christin Reibe und Daniela Kind. Obwohl die Servicekräfte in erster Linie zum Bedienen der Gäste eingestellt werden, müssen sie genauso wie alle anderen Mitarbeiter morgens bei den Vorbereitungen helfen und auch in der mobilen Küche vor Ort Gemüse schnippeln oder Kartoffeln schälen.



Laube der Löwen-Wirtin.
Foto: Monika Bönisch

Ein netter Spruch auf den Lippen
Christin Reibe hatte seit zehn Jahren auf dem „Stuttgarter Weindorf zu Gast in Hamburg“ gearbeitet, davon die meiste Zeit bei den Löwen-Wirten. Warum sollte das, was in der Hansestadt gut funktioniert, nicht auch in Stuttgart klappen? Im Vergleich zum kleineren Fest in Hamburg ist das in Stuttgart ein Riesen­event. Doch wer nicht wagt … Und so kam die 31-Jährige 2012 erstmals zum Arbeiten auf den Schillerplatz in der ba­den-­würt­tembergischen Landeshauptstadt. Einfach ist es nicht, zwölf Tage von zu Hause weg zu sein, wenn man zwei noch relativ kleine Kinder hat. Die nun zwar der Papa versorgt, die die Mama aber vielleicht doch vermissen und ihr das fernmündlich manchmal zu verstehen geben. „Der Kleine hat heute Geburtstag, er wird zwei, da haben wir ihm am Telefon ein Ständchen gesungen – und da war er fertig mit uns“, erzählt Christin Reibe lachend. Und wie ist das mit dem Dialekt? „Da war mal irgendwas mit einem Himbeerkuchen oder so ähnlich, das hab ich nicht verstanden“, sagt sie. Woher soll eine Hamburgerin auch wissen, dass in Stuttgart Johannisbeeren „Träuble“ heißen? Aber pro­blematisch ist das nicht: „Wenn jemand mit mir schwäbisch redet, dann hole ich vorsichtshalber meine Kollegin.“

Daniela Kind hatte ihr Debüt als Servicekraft im Jahr 2010, ebenfalls auf dem Weindorf in Hamburg. „Meine Mutter hatte schon auf dem Weindorf bedient und meinte, das würde mir auch gefallen.“ So war es, und deshalb ist die Studentin der Stadt- und Regionalplanung 2012 zusammen mit ihrer Schwester auch gleich zum Weindorf nach Stuttgart gereist. Als Tochter eines Küchenmeisters und einer Hotelfachfrau war sie schon immer in die Gastronomie involviert. „Es ist ein Vorteil, wenn man schon einmal Kontakt mit Gästen hatte, mit Getränken und Lebensmitteln umgehen kann und eine gewisse Geschicklichkeit hat“ – immerhin müssen die Servicekräfte viele gefüllte Teller oder Gläser auf einmal durch die Menge balancieren. Und dass man zu den Gästen mal „einen netten Spruch sagt und Freude verbreitet, das gehört dazu“. Groß und gut lesbar beschreibt die 23-Jährige die schwarze Tafel, die später vor dem Tresen lehnen wird – als Tagesmenü werden heute ein Viertel Fasswein und Fleischküchle mit Kartoffelbrei angeboten. Daniela Kind selbst favorisiert die Käsespätzle aus der Küche von Christine Winkle, und dazu den Riesling Alte Rebe, „ein leckerer trockener Weißwein“.



Prima Klima in der Laube

Christin Reibe gefällt das Arbeitsklima in der Löwen-Laube. Als langjährige Weindorf-Mitarbeiterin kennt sie natürlich die Kollegen aus Hamburg und Stuttgart gut und freut sich immer darauf, sie auf dem Weindorf wiederzusehen und mit ihnen etwa zwei Wochen zusammenarbeiten zu können. „Es ist so herzlich und familiär hier“, meint sie. Die Hierarchie scheint flach zu sein – abgesehen von dem Gastronomenpaar Winkle an der Spitze. „Wir sind ein großes Serviceteam mit 12 oder 13 Kellnern, abends kommen noch einige Zusatzkräfte, sogenannte Springer, um abzuräumen. Das Personal am Ausschank hat mehr zu sagen, es ist so etwas wie ein leitendes Team. Bei Fragen zu den Weinen, die wir vielleicht nicht beantworten können, wenden wir uns an die Kollegen am Tresen“, erklärt Daniela Kind. Aber natürlich sind alle Mitarbeiter fit und können die Gäste gut beraten; sie durchlaufen vor jedem Weindorf eine Schulung in Form einer Weinprobe und lernen die angebotenen Weine kennen.


Dass die Servicekräfte den Rückhalt ihrer Chefs haben, ist selbstverständlich. „Wenn Gäste sehr angetrunken sind, dann werden manche sehr zugänglich und kommen immer dichter, das ist dann nicht so schön“, erzählt Christin Reibe. Aber dass Gäste ausfällig werden oder gar das weibliche Personal berühren, ist den beiden Hamburgerinnen nicht bekannt. „Meist ist auch eine weitere Person dabei, und wenn jemand zu viel getrunken
hat, dann verlassen diese Gäste oft von selbst schnell die Laube.“ Da ist es wieder, das „Loblied“ auf die angenehmen Weindorf-Besucher, an dem etwas dran sein muss.

Jedenfalls sind die beiden von ihrem Job begeistert. „Es macht Spaß, ich mag gern mit Leuten umgehen. Man muss auf die Menschen eingehen können, es ist nicht jeder gleich“, sagt Christin Reibe. Ihre junge Kollegin schätzt es, dass jeder Tag auf dem Weindorf etwas anderes bringt. „Die Arbeit besteht zwar aus ganz bestimmten Abläufen, aber man lernt immer wieder neue Gesichter kennen, andere Menschen, die unterschiedliche Wünsche haben. Darauf einzugehen und den Gästen einen schönen Abend und angenehme Momente zu ermöglichen, das ist schön und abwechslungsreich.“ Und ganz klar, Daniela Kind würde auch als Gast das Weindorf besuchen. „Hier sind viele junge Leute, das mischt sich gut; so kann es sein, dass ein älteres Ehepaar und ein junges Paar an einem Tisch sitzen und den Abend miteinander verbringen. Da würde ich jederzeit hingehen.“



Spät ins Bett, dafür früh raus
Der Tag ist während des Weindorfs für die beiden Hamburgerinnen straff durchorganisiert. Gegen sieben Uhr aufstehen, zum Schillerplatz fahren, frühstücken, dann die Vorarbeiten in der Laube. Ab elf Uhr betreut jede Servicekraft fünf bis sechs Tische. „Die Pausen teilen sich die Mitarbeiter selbst ein. Aber wir haben ein Auge darauf, dass sie zwei oder drei Pausen machen, denn der Arbeitstag ist lang“, sagt die Wirtin, Christine Winkle. Die Zeit der Mittagspause richtet sich danach, wie stark frequentiert die Laube ist. In einer weiteren Pause am Abend können die Servicekräfte noch einmal essen und sich stärken. Danach wird weiter unter Hochdruck bedient bis zur Schließung des Weindorfs gegen 23 Uhr, an manchen Tagen um 24 Uhr. Zum Schluss sind noch die Tische abzuräumen, die Bänke hochzustellen und die Abrechnung zu machen – ein später Feierabend.

Um sich Stuttgart genauer anzuschauen, bleibt während der Weindorf-Wochen kaum Zeit. Deshalb ist Daniela Kind schon zwei Tage vorher angereist, und sie will auch noch einen Tag anhängen, um die Stadt kennenzulernen. Christin Reibe geht in ihrer Pause gern in die nahe Markthalle – für die Fleischereifachverkäuferin auf dem Hamburger Wochenmarkt, die sich für ihren Job in Stuttgart Urlaub genommen hat, eine besonders anregende Umgebung.

Inzwischen ist es fast elf Uhr – schon flanieren die ersten Wein­dorf-Besucher vorbei. Gleich werden die beiden Hamburgerinnen die ersten belegten Tische ansteuern und die Gäste freundlich fragen: „Was darf ich Ihnen bringen?“




Côtes de l’Elbe
Weinberg am Hamburger Stintfangs

von Stefan Schmidt

Nördlichster Weinberg: An den Hamburger Landungsbrücken wachsen Stuttgarter Reben.
Foto: Stefan Schmidt
Was als genialer Werbegag anlässlich des zehnten Stuttgarter Weindorfs in der Millionenstadt Hamburg gedacht war, hat sich für viele Besucher der St. Pauli Landungsbrücken als herausragendes Fotomotiv entwickelt.

Wer die Mühe nicht scheut, auf die Anhöhe oberhalb des U- und S-Bahnhofs Landungsbrücken zu steigen, wird mit einem herrlichen „Weinbergblick“ auf den Pegelturm und den Hafen belohnt.
Hier wächst der Hamburger „Stintfang Cuvée“ aus Regent- und Phoenixtrauben. Die Winzer aus dem Stargarder Land können die „weise“ Wahl der schon 1996 gepflanzten Rebsorten nur bestätigen. Auf den vielen kleinen Weinbergen im Norden gedeihen die Rebstöcke dieser beiden Sorten am besten.

Seit 1986 sind die Wengerter und Wirte auf dem Hamburger Rathausmarkt mit dem Stuttgarter Weindorf zu Gast. Zum zehnten Jubiläum wurden 50 Rebstöcke der beiden Sorten gepflanzt und zum 20. und 25. Weindorf wurde noch einmal um je 25 aufgestockt. Der Stuttgarter Stadtrat, Winzer und ehemalige Weindorfwirt Fritz Currle pflegt den Weinberg zusammen mit dem Hamburger Gartenamt und Weinfreunden, und nimmt im Spätherbst die Trauben mit nach Stuttgart, wo er die Gärung und den Ausbau des Weines vornimmt und die bis zu 200 Flaschen abfüllt.

Dieser Wein ist eine solche Rarität, dass nur die Senatoren und wichtige Gäste der Stadt ihn zu besonderen Anlässen als Geschenk überreicht bekommen. Dass sich in St. Pauli auch ab und an dubiose Gestalten herumtreiben, mussten die hanseatischen Weinfreunde im September 2010 erfahren, als Unbekannte die Ernte vom kleinen Weinberg stahlen. Dieser „Mundraub am Weinberg“ ging durch die Medien, als wäre die Erntemenge halb Württembergs vom Hagel vernichtet worden. Mittlerweile hat sich die nördliche deutsche Weinbaugrenze bis nach Nordfriesland verschoben, so dass der Hamburger Weinberg nicht mehr der nördlichste, auch nicht der kleinste und schon gar nicht der niedrigste ist. Dafür wohl aber der einzige, der das Kreuzfahrtschiff „Queen Mary“ im Hamburger Hafen schon gesehen hat. Die Überlegungen, benachbarte Flächen am Stintfang für die Erweiterung des Weinbaus zu nutzen, wurden letztendlich verworfen, damit der „Hanse Primeur“, wie er mit hanseatischem Charme auch genannt wird, nicht zur Dutzendware verkommt.

Stefan Schmidt: Weinbau – im Schatten von Burgen und Schlössern.
Vom alten und neuen Weinbau im Stargarder Land
und in Mecklenburg-Vorpommern –Weinoasen in Norddeutschland, 9,95 Euro
ISBN 978-3-941681-23-1




Ralphs Schlosslaube

von Monika Bönisch

Nachmittags locken duftende schwäbische Apfel-, Quark- und Zwetschgenkuchen, abends erlesene Weine: in „Ralphs Schlosslaube“, die im Innern in klaren, frischen Farben, in Rot-Grün-Gelb erstrahlt, oder auf die Terrasse vor dem Alten Schloss.


„Ralph“, das ist Ralph Benda, der das Weindorf seit seiner Kindheit kennt. Seine Eltern bewirtschafteten eine Laube, in der „viele Größen der Republik“ zu Gast waren, erzählt er.

Denn bis vor wenigen Jahren sendete SWR 4 aus der Weindorflaube der Bendas: „Nachmittags gab es eine recht illustre Talkrunde, und an manchen Tagen war die Gasse davor voller Menschen.“ 2007 übernahm der Junior den elterlichen Betrieb ebenso wie die Weindorflaube und änderte deren Namen. Aus dem Reisegastronomie-Betrieb wurde ein Cateringservice und aus der „Berger Clause“ „Ralphs Schlosslaube“. Dort auf dem Stuttgarter Weindorf brachte Benda seine eigene Note ein, besonders auch bei den angebotenen Weinen, die er zusammen mit der Weinkellerei Kern auswählt. Viele Weine, die der Fellbach-Schmidener Familienbetrieb liefert, sind aus dessen eigenem Weingut. Etwa der Rotberger, eine Kreuzung aus Trollinger und Riesling.


Entspannt: Die Bendas genießen eine kurze Pause in ihrer Laube.
Foto: Monika Bönisch
Rotberger Rosé

„Den Cannstatter Berg Rotberger Rosé gibt’s nur bei uns, das ist ein fruchtiger, süffiger Wein. Seit einigen Jahren kaufe ich die komplette Lese für das Weindorf und inzwischen auch für unser Restaurant ‚Bonatz‘.“ Sehr exklusiv sind auch die Tropfen des Weinguts Herzog von Württemberg, die man „auf dem Weindorf auch nicht an jeder Ecke bekommt“.


25 Weine im Angebot

Aus etwa 25 Weinen kann man in „Ralphs Schlosslaube“ wählen, sie kommen aus der Region, etliche aus Stuttgarter Weingärten: ein Cannstatter Berg Riesling oder ein Attempto vom Herzog von Württemberg, eine Weißwein-Cuvée, die Aromen von Litschi und Rosen in sich birgt; bei den Roten der Pinot Noir oder der rote Attempto vom Herzog von Württemberg, eine kräftige, trockene Cuvée aus Lemberger, Spätburgunder und Cabernet Sauvignon aus dem Holzfass. Oder auch einmal ein weißgekelterter Rotwein – „doch damit tut sich der Schwabe schwer. Aber wir probieren immer wieder etwas Neues aus.“ Keine Experimente gibt‘s beim Essen. In „Ralphs Schlosslaube“ wird bodenständige schwäbische Kost serviert, wie sie auf dem Stuttgarter Weindorf üblich ist.

Kutteln, Maultaschen oder ein Rostbraten, dazu ein Pinot Noir oder ein Trollinger-Lemberger; Kässpätzle oder Schupfnudeln mit Kraut, die sich gut mit einem leicht fruchtigen Riesling oder einem herben Grauburgunder vertragen, wie der Catering-Fachmann weiß, der früh sein Ziel vor Augen hatte: nämlich in die Gastronomie der Eltern einzusteigen. „Meine Mutter wollte unbedingt, dass ich noch einen anderen Beruf erlerne“ – der blieb allerdings eine Episode. Denn noch während der Ausbildung zum Elektroinstallateur machte sich der damals 18-Jährige selbstständig, mit einem Hamburger-Imbiss. „Den Stand habe ich nach meinem Entwurf anfertigen lassen, er hatte die Form eines Hamburgers, später ließ ich einen größeren bauen.“



Prosit: Das Stuttgarter Weindorf ist ein Wohlfühlfest. Foto: DWI

Vielfalt und Abwechslung

Der markante Imbiss mit dem Aussehen eines Fleischklopses zwischen zwei Brötchenhälften tauchte auf Festen und Veranstaltungen auf und traute sich sogar vorwitzig in die Stuttgarter Königstraße – zu einer Zeit, als sich in Deutschland gerade die Branchenriesen ausbreiteten.

Bendas Sache scheint Vielfalt und Abwechslung zu sein.

Der Wirt, der mit seinem Cateringservice bei großen Veranstaltungen wie dem Citylauf in Ludwigsburg ebenso fürs passende Essen und Trinken sorgt wie beim Auftritt der Kleinen Tierschau oder beim Feuerwerkevent „Flammende Sterne“ in Ostfildern, mag das Stuttgarter Weindorf, die urige Veranstaltung mitten in der Stadt. Ihm gefallen das Konzept wie die Gäste: „Es ist eine schöne, gemütliche, friedliche Veranstaltung. Ich habe noch nie ein lautes Wort gehört. Die Gäste sind trinkfest und etwas älter.“


Zukunftsfähiges Konzept

Dass junge Leute den Weg zum Weindorf weniger einschlagen, darüber macht sich der 51-Jährige keinen Kopf. Er würde das Weindorfkonzept keinesfalls „verjüngen“. „Es ist nicht immer richtig, wenn man sich nach allen Ecken strecken will. Die heutigen Jungen werden auch älter, haben irgendwann Familie und entdecken das Weindorf für sich. Die Zielgruppe des Weindorfs ist ja bereits sehr breit, von etwa 25 bis ins Rentenalter hinein.“ Zudem: „Uns haben früher auch andere Sachen gefallen als heute.“ Und welcher Jugendliche will abends auf einem Fest schon seinen Eltern begegnen?

Urig: Was man in der Straßenbahn
Überfüllung nennt, ist auf dem
Weindorf Gemütlichkeit!
Foto: Wulf Wager

Überhaupt scheint das Weindorf eigenen Gesetzmäßigkeiten zu gehorchen. Wer meint, dass jeder Schwabe auf einem Fest eigenbrödlerisch seine eigene Biertischgarnitur zum Sitzen beansprucht, muss hier staunen. Auf dem Weindorf kommt man sich näher, setzt sich zu „wildfremden“ Leuten, unterhält sich und lernt sich kennen. Das hat auch Benda beobachtet. Und ebenso, dass die Musik des Akkordeonspielers, den er ursprünglich für die betagteren Gäste in seiner Laube engagiert hat, durchaus Gefallen bei den Jüngeren findet.

„Unser Musiker Uwe Rauch geht immer wieder einmal zur Terrasse an der Schlosswand und spielt für die jüngeren Gäste, die sich gern dort niederlassen. Deep Purples ,Smoke on the water‘ oder Ähnliches.“ Dass sich irgendjemand die Ohren zugehalten hätte, ist bisher nicht berichtet worden – im Gegenteil: „Rauch wird kaum mehr weggelassen, bis er irgendwann nassgeschwitzt und erschöpft in der Laube wieder auftaucht!“ All diese Erfahrungen, dieses Flair wird sich Benda auch in Zukunft nicht entgehen lassen. Dann wird das elegante, 2011 eröffnete „Bonatz“ im achten Stock des Bahnhofsturms, das Restaurant und Bar zugleich ist und einen herrlichen Blick auf vier Seiten Stuttgart bietet, den Chef für eine gewisse Zeit entbehren müssen. Denn spätestens ab 19 Uhr wird Ralph Benda in seiner rustikalen Weindorflaube stehen und sich dort den Gästen widmen.



Der eigene Saft
Weindorfwirte schenken eigenen Wein aus

von Monika Bönisch

Sie sind von Beruf Winzer oder Weinbautechniker, bauen ihren Wein selbst an und aus, vermarkten ihn, betreiben Weinstube oder Besenwirtschaft, und ihr Arbeitspensum ist beachtlich; doch keiner von den vier Selbsterzeugern würde wohl die zwölf Tage Weindorf im Jahr missen wollen. Sie wählen den Wein oder Sekt für die Weindorfgäste mit Bedacht aus und kennen die Tropfen genau, die den Weg ins Glas finden dürfen.


Rebensaft: Weindorfwirte laden zum Genießen ihrer selbst erzeugten Weine ein. Wulf Wager
Zur Zaißerei

Auf dem ersten Stuttgarter Weindorf 1976 boten auch die Brüder Dieter und Siegfried Zaiß aus Cannstatt ihre Weine an. Dieters Sohn Andreas war damals zwei Jahre alt; heute, 36 Jahre später, steht der Juniorchef in der Laube „Zur Zaißerei“ und ist stolz auf diese lange und schöne Familientradition.

Die Rebflächen des Cannstatter Weinbaubetriebs, in dem außer Andreas dessen Mutter, Onkel und Tante ständig mitarbeiten, befinden sich am Neckar, in den exzellenten Lagen Zuckerle und Berg. So sind in der Weindorflaube Cannstatter Zuckerle Trollinger trocken, der Zaißerei Riesling trocken, ein eigener Prosecco und der Winzersekt Cannstatter Zuckerle Riesling trocken zum Standardangebot geworden. Seit dem ersten Weindorf sind die Weingärtner Cleebronn Güglingen Partner. Den Zaiß’schen Reben ging es damals schlecht, demzufolge gab’s kaum Wein, wie Andreas Zaiß erzählt. Die Cleebronner dagegen hatten Wein, aber keinen Platz auf dem Weindorf – so kam es zu einer Teamarbeit, die bis heute anhält. Die Winzer aus dem Zabergäu bringen ihre Herzog-Christoph-Weine und die Neo-Cuvées ein, die speziell bei jüngeren Gästen beliebt sind, wie die Weißwein-Cuvée, deren Aromen an Ananas und Mango erinnern.

Familienwein: Andreas Zaiß (rechts) ist für
den Ausbau der Weine der Zaißerei zuständig. Längst reicht der eigene Wein nicht mehr für das Weindorf und das Cannstatter Volksfest.
In der Zaißerei gibt es auch Cleebronner Weine. Wulf Wager


In der Zaißerei-Laube sind stets Mitglieder der Familie anwesend, aber auch das intern geschulte Servicepersonal berät die Gäste. Wie Beratung funktioniert, demonstriert Andreas Zaiß gleich mit zwei Empfehlungen von der schwäbisch geprägten Speisekarte: Rostbraten mit Spätzle, Soße und Kraut und dazu einen trockenen Trollinger oder Lemberger. „Das ist ein Gericht, das in die Region passt und zu dem diese württembergischen Weine hervorragend passen. Damen würde ich auch Fisch empfehlen und einen Blanc de Noir, einen weißgekelterten Schwarzriesling – der Fisch offenbart den Wein und umgekehrt.“

Weinbautechniker Zaiß weiß, dass auch das Weindorf – „für Weinfreunde das Paradies“ – mit der Zeit gehen muss. Denn der Geschmack ändert sich: Einst waren liebliche Weine gefragt, dann sehr trockene und heute mag man moderat trockene, die fruchtiger und feiner sind. Aber nicht nur bei den Weinen, auch bei Speisen und Equipment wird darauf geachtet, dass man schwäbisch-aufgeschlossen bleibt. Deshalb freut es Andreas Zaiß, dass der Wein in den Lauben des Stuttgarter Weindorfs nicht nur im Henkel-, sondern auch im eleganten Stielglas kredenzt werden darf. www.zaisserei.de


Weinlaube Ruoff

Der riesige Blütenkranz aus Gerbera, Hortensien, Oliven- und Salbeizweigen scheint über den Gästen zu schweben. Die alljährlich in der Weinlaube Ruoff zu findenden Meisterwerke der Floristik sind fast zu einem Markenzeichen geworden. Auch den heimeligen „Hinterhof“ zur Stiftskirche zu schmücken Blumen. Eine Umgebung, in der der Gast gern isst und trinkt. Zwei ältere Herren haben ein schönes Plätzchen vor der Laube gefunden. Dabei bevorzugt der eine normalerweise Bier, das besser gegen den Durst sei. Aber an der nun leeren Trollingerflasche auf dem Tisch hatte auch er seinen Anteil. „Ja, wart nur ab, in ein paar Jahren bischt du au Weintrinker“, schmunzelt sein Freund.

Guter Ru(of)f: Tilmann Ruoff (links)
in seiner Weinlaube
Foto: Monika Bönisch

Der Wirt, Tilmann Ruoff, hat den kleinen Winzerbetrieb, der in einem Obertürkheimer Wengerterhaus aus dem 16. Jahrhundert untergebracht ist, im Sommer 1992 von seinen Eltern übernommen. Das Weinsortiment des Weinbaumeisters kann sich sehen lassen. Bei den Weißen sind es Müller-Thurgau, Kerner, Riesling und Ruländer, „den bau ich auch als Grauburgunder aus, das ist dieselbe Rebe. Der Ruländer ist halbtrocken, der Grauburgunder trocken.“ Für die Rotweine gedeihen in den Ruoff’schen Weingärten Trollinger als Leitsorte sowie Spätburgunder, St. Laurent und Dornfelder.

Da der Winzer Experimenten nicht abgeneigt ist, baut er auch Merlot oder Auxerrois an, Rebsorten, die bei uns nicht heimisch sind. Ruoffs Weine waren schon so manche Preismünze wert, etwa die Cuvée rot Barrique Sanguis Vitis aus Dornfelder und St. Laurent oder der Dornfelder Esslinger Schenkenberg. Ruoff schätzt es, dass er ein Produkt von Anfang bis Ende gestalten kann, „das gibt es in fast keinem anderen Beruf mehr“. Der Winzer sieht, wie sich sein Erzeugnis entwickelt, etwa im Keller: „Der Wein verändert sich nicht nur in der Farbe und Helligkeit, sondern natürlich auch im Geschmack, wenn die Trübstoffe absinken. Der Unterschied von Woche zu Woche ist faszinierend.“

In der Weindorflaube begleiten den Wein Maultaschen, Schinkenwurst oder Fleischküchle und ein nach dem Rezept von Ruoffs Mutter zubereiteter Kartoffelsalat, der auch in der Besenwirtschaft in Obertürkheim serviert wird. Vor 13 Jahren hat Ruoff von einer Heslacher Weinstube die Laube übernommen. Natürlich findet auch sein Stammpublikum hierher und freut sich, wenn der Wirt Zeit für einen Plausch hat. www.weinbau-ruoff.de



Schmuckstück: Weinbrunnen
im Zentrum von Christel Currles Laube. Foto: Monika Bönisch

Zum Dreimädelhaus

Zwölf Weine stehen auf der Karte der Weinlaube „Zum Dreimädelhaus“, doch manche Gäste locken allein Christel Currles Winzersekte aufs Weindorf. Darauf hat sich die Uhlbacherin spezialisiert: „Ich trinke gern Sekt und habe mich früher geärgert, wenn ich alten Sekt angeboten bekam, bei dem die Perlage nicht mehr gut war.“ So lag für die Winzerin nahe, einen Teil ihrer eigenen Trauben zu Sekt zu verarbeiten und die seltenen Muskattrollingerreben einzig für die Sektherstellung anzubauen. Die Weindorfbesucher dürfen sich in jedem Jahr auf die drei besten Erzeugnisse freuen. Nicht zu viele Öchslegrade, um den Alkoholgehalt niedrig zu halten, etwas mehr Säure als beim Wein, damit der Sekt prickelnd schmeckt, und gesundes Lesegut – das sind die Voraussetzungen, dass bei Currle Trauben zu Sekt werden. Zuerst entsteht ein Grundwein, ausgebaut wie für Wein. Die zweite Gärung in der Flasche macht den Wein zum Sekt. Um die Hefe im Flaschenhals zu konzentrieren, werden die Sektflaschen regelmäßig handgerüttelt. Nach der Gärung wird die Hefe entfernt und die Flasche mit Korken und Drahtbügel verschlossen, um die köstliche Flüssigkeit zu bändigen.

Eine Weindorfbesucherin hatte für Currle ein schönes Lob parat: „Sie haben’s mal wieder geschafft, einen superleckeren Sekt herzustellen.“ Dass vorwiegend Frauen auf das prickelnde Getränk stehen, hält die Winzerin aber für ein Gerücht. Und wer sagt, dass Sekt nur als Aperitif passt? Der Stuttgarter Koch Ralf Jakumeit, der für Veranstaltungen im Wein- und Sektgut Currle kocht, kann sich zum Pinot Blanc de Noir ein gut gewürztes Tartar Wellington vorstellen. Christel Currle empfiehlt in ihrer Laube zum Riesling Brut Flammkuchen oder Kräuterflädle, mit Lachs und Kräuterfrischkäse gefüllt. Wer es herzhafter liebt, freut sich sicherlich über die Schweinebäckle mit einem Lemberger oder der im Barrique gereiften Cuvée „Rote Verführung“. Die Winzerin weiß, dass es auf dem Weindorf mit einer Butterbrezel nicht getan ist. Deshalb stehen bei ihr zwar Sekt und Wein in der Bedeutung an erster Stelle, „aber schon auf Platz 1,5 kommt das Essen.“

Was man bei Christel Currle nicht finden wird, ist Sekt orange. Winzersekt serviert sie pur. Vorstellbar sind gefrorene, leicht gecrashte Himbeeren, mit weißem Sekt aufgefüllt. Für eine Kombination mit Orangensaft ist der 42-Jährigen auch ihr Perlwein zu schade. www.weingut-currle.de


Einblick – Ausblick: Laube der Familie Zaiß
auf dem Marktplatz. Foto: Monika Bönisch

Zum Wein-Zaiß

Der Chardonnay trägt den Namen „Sofia Magdalena“, der Riesling trocken heißt „Angelina“. Helmut Zaiß weiß, was er an seinen Frauen hat, an Ehefrau Angela und der 18-jährigen Tochter, die in der Weindorflaube hinter der Cocktailbar steht. Nicht vergessen sei Sohn Felix, der mit seinen 16 Jahren Flammkuchen backt. Seit 23 Jahren ist das Weingut aus Untertürkheim auf dem Weindorf präsent. Der Besen über der Laube gegenüber dem Stuttgarter Rathaus zeigt an: Hier werden eigene Weine ausgeschenkt.

Etwa Trollinger, Lemberger oder Trollino, ein weißgekelterter Trollinger, oder ein samtiger Muskatellerwein. Den Merlot aus dem Holzfass beschreibt der Winzer als weich und cremig, das Holz störe nicht im Geschmack. Zaiß legt Wert auf angenehme Weine mit wenig Säure. Die Weinberge der Familie Zaiß liegen in Untertürkheim – Merlot und Zweigelt gedeihen am Dautenfelsen –, in Uhlbach, Hedelfingen und im Remstal verstreut, was sich bei Hagel als Vorteil erweist, wenn nicht alle Lagen getroffen und ein Teil der Ernte verschont bleibt. Mit 3,2 Hektar zählt der Weinhof zu den kleinen Weingütern, aber Winzer Helmut Zaiß legt Wert auf eine große Weinvielfalt und auf besondere Sorten. Das kommt auch den Gästen der Weindorflaube zugute. Pro Rebsorte sind 10 bis 20 Ar bebaut, also kleine Mengen. Gekeltert, ausgebaut, abgefüllt und vermarktet wird selbst, Besenwirtschaften und eine Ferienwohnung in Untertürkheim gehören ebenfalls zum Betrieb.

An einem Tisch vor der Laube hat sich ein Ehepaar aus dem Remstal mit zwei Frauen aus Möhringen angefreundet. Das sei das Schöne am Weindorf, dass man in Gesellschaft sei und schnell ins Gespräch komme. Die vier haben bewusst die Laube von Helmut Zaiß angepeilt: die Möhringerinnen wegen des Trollinger-Weißherbstes, den nur Zaiß anbiete, das Paar wegen des mit Maultaschen und Kartoffelsalat servierten Küferbratens. Dieser in Kräutern der Provence eingelegte Schweinebraten, erklärt der Wirt, wird auf Niedrigtemperatur im Backofen gegart und sei deshalb ganz zart und vom Kräuteraroma durchdrungen. Dass die dazu gereichte Lembergersoße mit einem Glas Trollinger-Lemberger harmoniert, glaubt man gern.

Der quirlige Winzer bezeichnet es als „schwäbisch reell, dass der Wirt vor Ort ist“, dass die Gäste ihn, den Produzenten, ansprechen können. Sagt’s und tanzt mit seiner Frau zur Musik des Akkordeonspielers durch die Laube. www.weinhof-zaiss.de





Eine herrliche Idee
„Pro Stuttgart–Verkehrsverein e.V.“ organisiert das Weindorf

von Monika Bönisch


Zur Stuttgarter Weindorf Homepage >>
„Mir könnet ja amol a Weinfescht mache“ – Rainer Hofmeister, der Geschäftsführer von „ProStuttgart– Verkehrsverein e.V.“, kann sich nicht erinnern, wer diesen Satz gesagt hat. Doch so ähnlich haben sich Mitte der 1970er Jahre einige Vereinsmitglieder geäußert – wohl ohne sich der Tragweite ihrer Worte bewusst zu sein. Die Idee war sehr gut. Denn seitdem bereichert ein erstklassiger Termin den Festkalender der Region: Beim alljährlichen Stuttgarter Weindorf im Zentrum der Landeshauptstadt bieten 29 Gastronomie- oder Weinbaubetriebe ihre Speisen und Getränke in 120 liebevoll ausgestatteten Lauben an und „Pro Stuttgart“ führt Regie.


Im Juni 1885 wurde „Pro Stuttgart“, damals als „Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs“, vom Stuttgarter Hoflieferanten Eberhard Fetzer gegründet. Der Verein gab Wegekarten, Stadt- und Hotelführer heraus, initiierte 1906 eine erste Stadtrundfahrt und richtete eine Auskunftsstelle für Touristen ein. Kurz und gut, die Organisation nahm sich der touristischen Entwicklung der Stadt an und streckte ihre Fühler bis in die USA aus, um freundschaftlich für Stuttgart zu werben. Der Erste Weltkrieg unterbrach diese ersprießliche Tätigkeit. Die Touristen blieben aus. Nach der Gleichschaltung des Vereins durch die Nationalsozialisten konnte von einem freundlichen Kontakt zur übrigen Welt keine Rede mehr sein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg legte der Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett Wert darauf, dass der „Verkehrsverein Stuttgart“, wie sich die Organisation inzwischen nannte, erhalten blieb. Doch um den Fremdenverkehr kümmerte sich fortan das 1949 gegründete städtische Verkehrsamt.



Einladend: Das Stuttgarter Weindorf ist das schönste Deutschlands!
Foto: Manuela Merkle
Das Stuttgarter Weindorf, ein „Paradepferd“

Der Verein hatte seine Kernaufgaben verloren und musste sich neu definieren. Die Mitglieder konzentrierten sich auf die Stadtverschönerung, auf Reise- und Kulturveranstaltungen. Doch der eins­tige Elan war verschwunden. Da kam das erste Weinfest 1976 in der „Stadt zwischen Wald und Reben“ gerade recht, auch für die sanierungsbedürftigen Finanzen des Vereins. „Es war ein Sammelsurium aus Hütten, Ständen und Sonnenschirmen“, erzählt Rainer Hofmeister. Die Besucher feierten vergnügt, doch die Vereinsmitglieder waren mit der Form des Festes unzufrieden.

Der damalige Vereinsvorsitzende Peer-Uli Faerber beauftragte den Architekten Werner Schick, Stände zu entwerfen, die dem Fest Atmosphäre und Charakter verleihen. Weinlauben, den Wengerterhäuschen in den Weinbergen nachempfunden, waren die Lösung. Vor dem nächsten Weinfest im Jahr 1978 stellte der Verein für die Wirte, die die Lauben bewirtschaften, strenge Maximen auf; sie gelten leicht verändert noch heute. Auf dem Weindorf werden ausschließlich schwäbische Spezialitäten und qualitätsgeprüfte Weine aus Württemberg und Baden (Stufe QbA) angeboten. Laute Töne aus der „Box“ sowie von Blas- und Schlaginstrumenten sind tabu; Musik darf nur mit Instrumenten ohne Verstärker dargeboten werden: Die Gäste müssen sich unterhalten können. Seit 1995 organisiert eine Verwaltungs-GmbH von „Pro Stuttgart“ das Fest und schafft die Infrastruktur dafür.

So wurde das Weindorf nicht nur für „Pro Stuttgart“ zur Erfolgsgeschichte. Als Botschafter der Stadt, der Region und des Land Baden-Württemberg gab das Weindorf bereits Gastspiele in Brüssel, St. Gallen und Berlin und erfreut inzwischen alljährlich die Weinbegeisterten in Hamburg. So wird dieses „friedvolle Fest“, wie Rainer Hofmeister es nennt, auch an höchster politischer Stelle geschätzt. Ministerpräsident, Landesminister und ihre Besucher sind immer wieder und gern gesehene Gäste in den Weinlauben.



Zum Wohl der Stadt
„Pro Stuttgart“ ist aber auch ein „ganz normaler“ Bürgerverein. Nach der Satzung sieht er „seinen Zweck in der Erhaltung, Verbesserung, Förderung und Ausweitung der gastlichen, kulturellen, sportlichen, touristischen, verkehrstechnischen und wirtschaftlichen Einrichtungen und Veranstaltungen in der Landeshauptstadt Stuttgart“. Im Mittelpunkt des Interesses stehen die Pflege der nationalen wie internationalen Beziehungen, Stadtbelebung und -verschönerung, Brauchtumspflege, die Erhöhung des Freizeitwerts und der Umweltschutz. Neben interessanten Reisen, etwa in die Partnerstädte Stuttgarts in Tunesien, Russland und den USA, stehen kulturelle Veranstaltungen für die Mitglieder auf dem Programm. Einen außergewöhnlichen Ort hat sich der Verein für seine Turmgespräche erwählt – den Bahnhofsturm. Hoch über Stuttgart erzählen Persönlichkeiten wie der bisherige Intendant der Württembergischen Staatsoper, Klaus Zehelein, Bischof Gebhard Fürst oder Tänzerin Birgit Keil über ihr Leben, ihre Arbeit, ihre Philosophie. „Vor vielen Jahren haben wir im Verein begonnen, Leute zu werben, die sich als Paten der Bäume in ihrer Nachbarschaft annehmen. So haben wir 117 Baumpaten gefunden, die 450 Bäume in Stuttgart pflegen“, erzählt Rainer Hofmeister.

Der Verein mischt sich ein, weist auf Missstände hin. Unaufdringlich, aber stetig, wie der Geschäftsführer verdeutlicht: „Wir werden gehört und machen Verbesserungsvorschläge. Vieles wird verwirklicht und wir bleiben an den Themen dran. Was heute nicht realisiert wird, wird vielleicht später umgesetzt. Oberstes Gebot ist: Wir halten uns politisch neutral. Bei uns sind alle Parteien vertreten. Damit sind wir bisher gut gefahren.“



Festzeit: Gleich zweimal feierte Stuttgart mit seinen Gästen aus nah und fern das gemütliche Weinfest – zur Fußball-WM 2006 und das reguläre Weindorf. Foto: Stuttgart Marketing
Alle wichtigen Leute machen mit

Eine kluge Vereinsstruktur sorgt dafür, dass die Zusammenarbeit von „Pro Stuttgart“ mit den unterschiedlichen Interessengruppen in der Stadt funktioniert. Neben dem ehrenamtlichen Vorstand hat ein Beirat das Sagen, der 14 Personen aus allen gesellschaftlichen Bereichen vereint: von Unternehmen und Institutionen wie Verkehrsverbänden, Messe, Stuttgart Marketing, von Stadtverwaltung und allen Gemeinderatsfraktionen. „Wir sind durch diese breite Streuung nah an den richtigen Gesprächspartnern, haben gute Kontakte, können viel erreichen.“ Sitzen so viele Interessengruppen an einem Tisch, lassen sich Konflikte im Vorfeld entschärfen, Probleme vorab klären.

Nach der Satzung ist der Verein eine Organisation für alle, „die am Wohl der Stadt Stuttgart interessiert sind“; derzeit zählt er 550 Mitglieder – Privatpersonen, Unternehmen und Institutionen. Ein stattlicher Bürgerverein. Dennoch sorgt sich Rainer Hofmeister um dessen Zukunft. „Wir leben von unserem Mitgliederbestand, doch der Verein braucht junge Leute, die in verantwortliche Stellen nachrücken.“ Die Akquisition neuer, junger Mitglieder wird in den kommenden Jahren zur überlebenswichtigen Aufgabe für „Pro Stuttgart“.



Schattendasein: Unter den Kastanienbäumen auf dem Schillerplatz lässt es sich beim Stuttgarter Weindorf gut aushalten.
Foto: Wolfgang Buck
Das schönste Weindorf Deutschlands

Hofmeister leitet die Geschäftsstelle seit dem Jahr 1996. Demnächst wird er in Ruhestand gehen – wenn seine Nachfolge zufriedenstellend geregelt ist: „Ich habe in den vergangenen elf Jahren viel Herzblut in den Verein und das Weindorf gelegt, das kann ich nun nicht einfach so wegtun.“ Er ist stolz auf das Weindorf. „Wir brauchen guten Service, Kundenfreundlichkeit, gute Produkte und gute Weine. Ich habe daran gearbeitet, dass die Qualität weiterentwickelt wird“ – und die Besucherzahlen steigen. Bei „Pro Stuttgart“ sieht er das Fest in den besten Händen. „Wir schauen nach Kosten und Qualität und dass die engagierten Wirte ihren Ertrag haben. Nach dem Weindorf strecken viele die Finger aus. Doch die Selbstständigkeit des Festes muss erhalten bleiben, es darf nicht nur verwaltet, sondern muss weiterentwickelt werden.“ „Pro Stuttgart“ hat viel erreicht – und vielleicht seinen Anteil daran, dass bei einer großen Online-Umfrage nach der beliebtesten Großstadt in Deutschland, Stuttgart ganz vorne liegt.



Weindorf backstage
Ein Blick hinter die Kulissen

von Karin Gessler

Exzellente Weine und eine hervorragende Küche sind die Markenzeichen des Stuttgarter Weindorfes.
Start des zehntägigen Wein- und Schlemmerfestes ist immer der letzte Mittwoch im August.



Viertelesschlotzer-Treff: Das Stuttgarter Weindorf ist das schönste Deutschlands!
Foto: Stuttgart Marketing
Wild ist die Spezialität

„Gute Vorbereitung ist alles“, erzählt Waltraud Stritzelberger. Schon acht Wochen vor dem Fest beginnt für die Wirtin der Weinstube „Zum Hasenwirt“ die Arbeit. Die Speisekarten müssen geschrieben, Geschirr und Tischwäsche bereitgestellt, die passenden Weine ausgewählt und die Weindorf-Gläser bestellt werden. Wildgerichte sind die Spezialität des Hasenwirts. Der Chef des Hauses, Josef Stritzelberger, ist nicht nur ein ausgezeichneter Koch, sondern auch passionierter Jäger. Die Hirsche fürs Weindorf kommen jedoch nicht aus seiner eigenen Jagd, er bezieht sie aus dem Odenwald von einem befreundeten Jäger. Zur Wahl stehen Hirschkalbsbraten mit Wacholdersoße und Edelpilzen sowie ein Edelragout von Reh und Hirsch, jeweils mit Eierspätzle und Preiselbeerbirne. Auf der vielseitigen Speisekarte finden sich aber auch kleinere Gerichte wie Ripple, Lachs und Wurstsalat. Berühmt ist Stritzelberger für seine Maultaschen. Beim Weindorf gibt es sie rustikal als „Handy-Maultasche“ auch auf die Hand.


Alles frisch

In der gut ausgestatteten, aber doch kleinen Zeltküche hinter der Weinlaube ließe sich diese Vielfalt an aufwändigen Gerichten nicht zubereiten. Deshalb wird in der Restaurantküche zuhause in Stuttgart-Uhlbach so weit wie möglich vorgekocht. Morgens um 6 Uhr beginnt der Küchendienst mit dem Aufsetzen der Kartoffeln für den Kartoffelsalat. Alles wird frisch zubereitet, darauf legt Josef Stritzelberger großen Wert. Um 9 Uhr geht es dann hinunter auf den Schillerplatz, wo schon geschäftiges Treiben herrscht. Die großen Getränkefahrzeuge waren bereits am frühen Morgen unterwegs, so kommt man sich in den engen Gassen des Weindorfes nicht ins Gehege.


Nur eigener Wein

Am Marktplatz vor dem Wengerter Stüble lädt derweil Wilhelm Bauer Weinkisten aus seinem Auto, am Abend wird er das Leergut wieder mit nach Hause nehmen. Wie Stritzelberger, ist auch er schon seit 30 Jahren beim Weindorf dabei, das Wengerter Stüble betreibt er gemeinsam mit Peter Mayer. In der Laube wird nur eigener Wein aus dem Weingut Bauer und dem Weingut Jägerhof ausgeschenkt. Bei den Stammgästen beliebt ist der Fasswein, ein Trollinger und ein trockener Riesling, berichtet Bauer. Die Küchenmannschaft des Wengerter Stübles ist seit 6 Uhr früh auf den Beinen. In Boskoops Besen, Bauers Lokal in Bad Cannstatt, wurde alles vorbereitet, jetzt wird der große Grill angeheizt. Wer hier mitarbeiten will, muss sich schon ein Jahr im Voraus bewerben.


Traditionslaube: Waltraud und Josef Stritzelberger vor ihrer Laube „Zum Hasenwirt“.
Foto: Karin Gessler

Eingespieltes Team

Zurück in der Laube des Hasenwirts. Jeder weiß, was er zu tun hat, von Hektik ist auch jetzt, um 10.30 Uhr, noch nichts zu spüren. Statt dessen gibt es vor dem großen Ansturm erst noch Frühstück für alle. Es ist ein gut eingespieltes Team, das sich um den Tisch versammelt, die meisten sind schon seit vielen Jahren dabei. Die Arbeit auf dem Stuttgarter Weindorf ist beliebt, alle schwärmen von der besonderen Atmosphäre. Weinliebhaber sind Genießer, selten trinkt einer wirklich über den Durst, und so ist der Umgang mit den Gästen selbst am späten Abend noch angenehm.


Heiratsmarkt

Zur traditionellen Essenszeit um 12 Uhr kommen vor allem die Älteren, Familien mit Kindern sind meistens etwas später dran. Gegen 13 Uhr sind dann nahezu alle Plätze in den Lauben besetzt. Am Wochenende ist der Schillerplatz etwas besser besucht, unter der Woche hat der Marktplatz die Nase vorn. Dann verbringen ganze Belegschaften ihre Mittagspause auf dem Weindorf. Einen besonderen Tipp für Singles hat Waltraud Stritzelberger parat: Am Freitagabend sei Heiratsmarkt auf dem Markt- und Schillerplatz, schmunzelt sie ...


Weingesang: Mit dem traditionellen Singen
der Wirte klingt das Stuttgarter Weindorf aus.
Foto: Karin Gessler
Man hilft sich

Die Wirte des Weindorfes sind eine verschworene Gemeinschaft, Kollegialität wird groß geschrieben, man hilft sich aus, wenn während des Tages etwas ausgeht, leiht man sich schon mal Zwiebeln oder Brot, erzählt Waltraud Stritzelberger. Und ihr Mann ergänzt, das Weindorf lebe von den Wirten, die Gäste verlangen ihre Anwesenheit. Deswegen bleibe die Gaststätte „Hasen“ in Uhlbach während des Stuttgarter Weindorfes geschlossen.


Sacksammler

Mittlerweile ist es Abend und recht kühl geworden, die Menschen drängen in die gemütlich warmen Lauben. Auf einem Akkordeon wird „What ever will be, will be“, gespielt. Im Wengerter Stüble feiert eine kleine Gesellschaft Geburtstag. Sie kommen aus Ludwigsburg, erzählen sie, und treffen sich jedes Jahr hier auf dem Weindorf. Wilhelm Bauer setzt sich für eine Weile zu ihnen, auf dem Schoß sein Enkelkind, auch Monika Bauer kommt vorbei. Man kennt sich seit langem, es wird erzählt und gelacht. Ohne die Wirte, die sich persönlich um die Gäste kümmern, wäre das Weindorf nicht denkbar, betont auch Wilhelm Bauer, und dann eilt er schon wieder zum nächsten Tisch, um mit einer herzlichen Umarmung alte Bekannte zu begrüßen. An der Dekoration des Wengerter-Stübles ist unschwer zu erkennen, dass Bauer neben der Arbeit in Weinberg und Weinkeller noch einer weiteren Leidenschaft frönt: Er sammelt alte Säcke, 60 Exemplare hat er schon zusammengetragen, eines schöner als das andere.

Schwabenkost: Wein und Rostbraten mit Spätzle. Foto: Stuttgart Marketing
Pünktlich um 23 Uhr am Donnerstag, Freitag und Samstag um 24 Uhr, schließen die Weinlauben – wohlverdienter Feierabend für Wirte und Belegschaft. Es wird eine kurze Nachtruhe, denn um 6 Uhr beginnt der nächste Tag auf dem Stuttgarter Weindorf. Am letzten Tag des Festes ist dann alles ganz anders, schon am Morgen wird nach Hause transportiert, was nicht mehr benötigt wird. Am Abend treffen sich die Weindorf-Wirte vor dem Alten Schloss zum gemeinsamen Singen, es gibt einen kurzen Rückblick auf das Fest und ab 23 Uhr geht schließlich alles ganz schnell. In wenigen Stunden müssen die Lauben geräumt sein, schon um 4 Uhr kommen die großen Lastwagen, auf die die Lauben geladen werden. Am Dienstagmorgen ist vom Weindorf nichts mehr zu sehen – bis zum nächsten Jahr ...



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