Weinverspruch: Aufnahmeritual eines neuen Weinritters beim Ordensfest Foto: Weinbruderschaft BW
Zur höheren Ehre des Weines
Die Weinbruderschaft Baden-Württemberg


von Monika Bönisch


Tafelrunde, Ordenskapitel, Majordomus – diese Begriffe sucht man eher in einer alten Rittersage als bei einer Organisation des 21. Jahrhunderts, die sich dem Wein verschrieben hat. Doch für die Mitglieder der Weinbruderschaft Baden-Württemberg sind diese Vokabeln selbstverständlich, benennen sie doch Einrichtungen ihres Vereinslebens. Bei der Weinbruderschaft handelt es sich nicht um eine Ansammlung verknöcherter Traditionalisten, sondern um weinfreundlich gesinnte, weinverständige Männer, die sich mit der Geschichte und Kultur des Weines vertraut machen, ihr Wissen um den Wein fördern, die Weinkultur pflegen und würdigen – so wie es ihr Wahlspruch ausdrückt: „Ad majorem vini gloriam“ – „Zur höheren Ehre des Weines“.

Die Organisationsform wurde an alte Orden angelehnt, um „ein gewisses Niveau, Werte und Stil zu bewahren“. Zwar führt die Bezeichnung „Bruderschaft“ mitunter auch zu Vorurteilen, doch diese schwänden schnell, wenn Gäste eine Veranstaltung miterlebten. „Wir haben nicht die Absicht, etwas Geheimnisvolles zu initiieren“, sagt
Ordensmeister Ulrich Bechtel, „Chef“ der Bruderschaft. Mit dem religiösen Charakter früherer Orden hat die Organisation nichts zu tun, ebenso wenig ist sie parteipolitisch oder kommerziell geprägt.


Für Gaumen, Geist und Geselligkeit

Die Mitglieder der 1969 gegründeten Weinbruderschaft mit Sitz in Stuttgart, die „Weinritter“, wählen aus ihren Reihen ihre Gremien, Ordensrat und Ordenskapitel, sowie die Ehrenritter. Die Mehrzahl der etwa hundert Mitglieder kommt aus verschiedensten Berufsgruppen, darunter sind Notar, Unternehmensberater, Ingenieur, Sachbearbeiter, Selbstständige und Angestellte. Nur etwa fünf Prozent haben beruflich mit Wein zu tun oder besitzen Weingüter. Diese wenigen Weinprofis in der Bruderschaft erleichtern den Kontakt zur „Weinszene“, zu Weinbaubetrieben, deren Produkte die Weinritter kennenlernen wollen. Denn sechsmal im Jahr schulen diese bei Weinproben Gaumen und Zunge. Die Weinritter sind nicht nur den sinnlichen Genüssen zugetan, sie streben auch danach, viel über das Objekt ihrer Leidenschaft zu erfahren. Etwa in den Fachvorträgen, die die Bruderschaft einmal im Jahr organisiert und in denen Experten Einblick in aktuelle, auch brisante wissenschaftliche und praxisnahe Themen geben, zum Beispiel Gentechnik im Weinbau oder die Reifung im Barrique oder Metallfass. Entsprechende Kostproben vertiefen die Theorie und befeuern die Diskussion nach dem Vortrag.

Weinprobe, Bruderschaftstagung, Exkursion, Ordensfest, Herbstfest – das Jahresprogramm der Bruderschaft lässt den Weinrittern kaum Zeit, um sich in Ruhe auszutauschen. Hierzu werden die monatlichen Tafelrunden in Stuttgart genutzt, eine Art Stammtisch, bei dem ungezwungen geredet, gegessen, ein guter Tropfen getrunken, kurz: die Geselligkeit gepflegt wird. Trotz all dieser weinseligen Termine – ein Hort zügelloser Ausschweifung ist die Weinbruderschaft nicht. Die Ritter legen bei ihren Aktivitäten Wert auf Stil, „auf einen sauberen Ablauf. Wir wollen uns so benehmen, dass wir gerne wiederkommen dürfen“, in ein Weingut, zu einer Weinprobe, zu einer Weinbergbegehung. Von einer Alles-umsonst-Mentalität und Trinkgelagen setzen sie sich ab. „Wir sind guter Stimmung bei einer Weinprobe, aber dass zu viel getrunken wurde, das gab es noch nie.“

Die Weinbegeisterung hat die Ritter schon in die Weingüter und Keller Frankens, Rheinhessens, Griechenlands, des Trentino und sogar Südafrikas gebracht. „Über den Tellerrand hinausschauen“ nennt Ulrich Bechtel diese Exkursionen. Doch dem eigenen Land ist die Bruderschaft, die die Bezeichnung „Baden-Württemberg“ in ihrem Namen trägt, besonders verbunden. Sie pflegt gute Kontakte zu den heimischen Weinbauverbänden und Winzern. Deshalb haben Weine von hier für die Ordensbrüder oberste Priorität. So werden beim jährlichen Ordensfest im einen Jahr badische Weine, im anderen Württemberger kredenzt. Ein Zeichen der Verbundenheit mit dem Land ist auch der Ehrenpreis, den die Weinbruderschaft stiftet und der bei der badischen und württembergischen Landesweinprämierung der Weinbauverbände vergeben wird.


Mit feierlichem Ritterschlag

Der jährliche „glanzvolle Höhepunkt des gesellschaftlichen Ordenslebens“, das Ordensfest, findet in stilvollem Ambiente statt, Kloster, Kurhaus oder ein Schloss bieten den würdigen Rahmen. Einige Männer dürften diesem Fest jeweils besonders entgegenfiebern – die Aspiranten, die in einem Zeremoniell in den Orden aufgenommen werden. „Wir legen Wert darauf, dies würdig zu gestalten und zu zeigen, dass es etwas Besonderes ist, Weinritter der Weinbruderschaft zu werden. Das geht bis zur festlichen Kleidung“, sagt Ordensmeister Bechtel. Für die Aufnahme wird vorausgesetzt, dass der Bewerber zwei Bürgen unter den Rittern hat, sechs Veranstaltungen des Ordens besucht und bereits an einem Ordensfest als Gast teilgenommen hat – dass man sich also kennenlernen konnte. Auch muss er eine gewisse Weinkenntnis bewiesen und eine Prüfung vor den zehn Männern des Ordenskapitels abgelegt haben. Dabei probiert der Aspirant sechs Weine und ordnet sie sechs Etiketten zu, versucht also, die Weine zu identifizieren. „Das ist eine interessante und kribbelige Geschichte, der Aspirant muss schon etwas wissen“, erzählt Bechtel.

Dann beim Ordensfest erfolgen die letzten Weihen. Mit dem Verspruch verpflichtet sich der künftige Weinritter, sich um den pfleglichen und respektvollen Umgang mit dem Kulturgut Wein zu bemühen und den heimatlichen Wein hoch zu schätzen; er verspricht, den Wein zu ehren und zu würdigen und die hohe Kultur des Weines und insbesondere seine Reinheit zu pflegen. Der Ritterschlag besiegelt die Aufnahme. Mit der Ordensplakette am Ordensband dekoriert – das Emblem auf der Plakette zeigt eine Sonne –, kann sich der neue Ritter anschließend mit seinen „Weinbrüdern“ und deren Partnerinnen einem fürstlichen Menü und erlesenen Weinen hingeben.


Nachwuchs willkommen

Die Bruderschaft bemüht sich ständig, neue und jüngere Mitglieder zu gewinnen. Denn der Wandel in der Organisation ist groß, mal tritt jemand aus, mal stirbt ein Ritter, mal muss einer wegen des Berufs die Region verlassen. „Deshalb nehmen wir auch jährlich zwei bis fünf neue Mitglieder auf.“ Von Ende 20 bis 89 reicht die Altersspanne derzeit bei den Weinrittern. Das Durchschnittsalter liegt bei etwa 55 Jahren.

Dass junge Leute am Wein interessiert sind, das wurde Ulrich Bechtel bei einer privaten Weinprobe mit dem jugendlichen Sohn von Freunden und dessen Kumpels bestätigt. „Das war prima, da bin ich richtig stolz drauf“, freut sich der 55-Jährige. Inzwischen waren die jungen Männer auch Gäste der Weinbruderschaft. Offenbar haben alte und junge Weinfreunde wenig Berührungsängste. Das Wissen über den Wein an Jüngere weiterzugeben, ist für den Ordensmeister eine wichtige Aufgabe, „und eine Freude“.

Allerdings – die Leserinnen und Leser haben es längst bemerkt – ist der Weinorden eine „Bruderschaft, ein Männerbund“. Frauen können nicht Mitglied werden. Doch bei den meisten Anlässen kann die Partnerin „ihren Ritter“ begleiten. Und seit 2005 dürfen „weininteressierte Damen“ auch an den Weinproben teilnehmen. „Frauen sind als Gäste stets willkommen. Zumal es Damen gibt, die sich sehr viel besser mit Wein auskennen als manche Herren.“

Die Mitglieder der Weinbruderschaft werden zu Insidern, erhalten Einblick in die Weinwirtschaft, erweitern ihr Wissen um den Wein und tragen es weiter. Sie sind Verbraucher, die den Erzeugern ermöglichen, ihnen ihre Produkte näherzubringen; die probieren und lernen, über die Qualität eines Weines zu urteilen. „Selbst wenn man tausend Weinproben gemacht hat, ist die nächste so spannend wie die erste. Es gibt neue Sorten, neue Verfahren im Keller, und es ist hochinteressant, neue Trends zu beobachten“, weiß der Ordensmeister. Der Umgang mit dem Wein wird nicht langweilig.


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