Weinbau: Der lange Weg bis zum Genuss | Foto: DWI/Hartmann
Wein – Geschenk der Götter für Dichter und Denker

Ob in Liedern, Gedichten oder Sprichwörtern –
nur die Liebe wird noch mehr gepriesen als der edle Saft der Reben


von Wulf Wager


Lustleben: Bacchus, römischer Gott des Weines, Michelangelo Caravaggio, um 1597
Wer nun letztlich den Weinbau nach Württemberg gebracht hat, die Römer oder der Heilige Urban: es hat Auswirkungen bis in die heutige Zeit und bis in unsere Region, denn der Weinkonsum ist in Württemberg fast doppelt so hoch wie im Rest der Republik. Aus archäologischer Sicht ist die 1969 in Ägyptengefundene 6000 Jahre alte Presse samt daneben liegenden Traubenkernen der Beginn der Weinerzeugung. Mittel und Methoden, das Leben rosiger zu sehen, verbreiteten sich im Altertum ziemlich schnell. In ganz Kleinasien, in Ägypten und anderswo beherrschte man bald die Kunst, diesen wundervoll be­rauschenden Saft herzustellen. Erste schriftliche Zeugnisse über Wein liefern die Ägypter und Assyrer etwa 5000 v. Chr., zu einer Zeit also, als im heutigen Schwabenland noch kein Mensch an edle Tropfen dachte.

Hammurabi, der Gesetzgeber Mesopotamiens, ließ in seinen Codex (1700 v. Chr.) Folgendes aufnehmen:
„Der Wein gehört zu den kostbarsten Gaben der Erde.
So verlangt er Liebe und Respekt, wir haben ihm Achtung zu erweisen."

Ein weiser Mann, denn in der Folge spielte Wein bei allen großen Kulturen eine nicht unwesentliche Rolle. Der vergorene Traubensaft wurde als Getränk der Götter angesehen und diesen geopfert. Hippokrates, der um 460 v. Chr. geborene Vater der Medizin, erkannte im Wein ein nahezu universelles Heilmittel. Und noch heute gilt ein mäßiger Weingenuss als gesundheitsfördernd.



Mitleid der Götter

„Der Wein ist ein Geschenk der Götter, sie haben den Wein dem Menschen aus Erbarmen gegeben.“
So ist es vom griechischen Philosophen Plato etwa 400 v. Chr. überliefert. Wein war den Menschen offensichtlich so wichtig, dass es bei vielen Völkern einen eigenen Gott für den Wein gab. Oft standen diese Götter auch im Zusammenhang mit Liebe, Lebensfreude, Fruchtbarkeit und ausgelassenem Trinkgenuss. In den alten Mythen und Religionswerken werden viele dieser Götter mit einem entsprechenden Symbol, zum Beispiel mit einem Weinbecher, einem Rebstock oder einer Weintraube dargestellt. Die Götter – oder auch die den Göttern gleichgestellten berühmten Herrscher – brachten den Menschen den Wein als göttliches Geschenk. Deshalb ist Wein auch in fast allen Religionen der Welt ein heiliges und gottgefälliges Medium, mit dem man in mystischer Art und Weise eine Beziehung zu den Göttern herstellen konnte. Die bekanntesten Weingötter sind wohl der römische Bacchus und der griechische Dionysos. Der große griechische Dichter Homer erklärte den Wein um 800 v. Chr. gar zum Grundnahrungsmittel.

Die alten Römer, die ja auch unser Land besiedelten, hinterließen uns ihre von den Etruskern übernommene Weinkultur und damit auch unzählige Zeugnisse über Wein und Weinbau. Sie betrieben den kommerziellen Weinbau und konnten bereits verschiedene Rebsorten unterscheiden. Im römischen Reich hatten alle gesellschaftlichen Schichten Zugang zu Wein.



Illustration: Peter Warbinek,
aus: „Wie der Wein, so die Verse“
„Wie Lebenswasser ist der Wein“

In der Bibel wird Wein in mehr als 500 Textstellen erwähnt. So wird in der Genesis (9, 20-21) der erste Winzer genannt, der gleich in einen Vollrausch verfällt: „Noah wurde der erste Ackerbauer und pflanzte einen Weinberg.“ Nach dem Genuss des Weines liegt er nackt im Zelt, wo ihn sein jüngster Sohn findet, ihn allerdings im Rausch liegen lässt. Als er erwacht, spricht er den Fluch über Kanaan. (Noah war damals laut Genesis immerhin schon 650 Jahre alt!) Nicht gerade ein glorreicher Anfang. Und es geht zehn Kapitel später gerade so weiter: „Lot lebt mit seinen Töchtern nach der Zerstörung von Sodom und Gomorra in einer Höhle. Die Töchter geben ihrem Vater Wein, damit sie bei ihm liegen können und von ihm Kinder bekommen, denn es war ihrer Meinung nach kein Mann da, außer ihm. Daraus entstehen die Moabiter und Ammoniter“... Nun war der Wein auch noch Wegbereiter der ersten Blutschande. Verlassen wir lieber diese Abgründe und wenden wir uns den segensreichen Wirkungen des Weines zu.


Gotte gebe dir
vom Tau des Himmels
und von der Fettigkeit der Erde
und von Korn
und Wein die Fülle!
(1. Mose 27,28)

In den Psalmen dient der Wein der Lebensfreude, bei Salomo ist er auch Arznei für Leidende und Vorsicht gebietendes Rauschmittel. Das Volk Israel wird mit einem Weinberg verglichen, Jesus beschreibt die Verbindung mit seinen Nachfolgern als die zwischen Weinstock und Reben. Der Weinstock ist das Symbol für das Leben schlechthin. Das Wirken des Heiligen Geistes wird mit gärendem neuen Wein verglichen. Wein kann verführen und auch — als Taumelbecher — den göttlichen Zorn verdeutlichen.

Die Bibel rät ausdrücklich zu stetigem, aber mäßigem Weingenuss; charakteristisch ist Jesus Sirach 31, Vers 25ff.:

„Wie Lebenswasser ist der Wein dem Menschen, /
wenn er ihn trinkt mit Maß. ...
Zuviel Wein steigert den Zorn des Toren zu seinem Fall, /
er schwächt die Kraft und schlägt viele Wunden.“

„In vino veritas“ – im Wein liegt Wahrheit, so sagt’s der Volksmund, weshalb die Suche nach der Wahrheit in manchen Klöstern so intensiv betrieben wurde, dass die Bischöfe die Weinzuteilung kürzen mussten.

„Der Wein ist geschaffen,
dass er die Menschen soll
fröhlich machen.“
(Jesus Sirach 31,34)



Der Muse Flügel verleihen

Seit 777 ist der schwäbische Weinbau nachweisbar und man nimmt an, dass er von Mönchen ins Neckartal gebracht wurde. Scheinbar hat sich der Weinbau ordentlich ausgebreitet, denn Friedrich Hölderlin schrieb einige hundert Jahre später: „Seliges Land – kein Hügel in dir wächst, ohne den Weinstock.“ Wein ist aus der Kulturgeschichte Württembergs nicht wegzudenken. „Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang“, so ist uns dieser Luther’sche Aphorismus überliefert.

Über Jahrhunderte hat der bisweilen berauschende Wein der Muse der Künstler Flügel verliehen. Platon gar, der griechische Philosoph, formulierte: „Vergeblich klopft, wer ohne Wein ist, an der Muse Pforte.“ Unzählige Denker, Dichter, Komponisten und Maler beschäftigten sich in ihren Werken – und bei deren Entstehung – mit Wein. Johann Wolfgang von Goethe, eines der größten Genies der westlichen Welt, sagte: „Solange man nüchtern ist, gefällt das Schlechte. Wie man getrunken hat, weiß man das Rechte.“

Patriotisch reimte der Schwabe Friedrich Schiller:
„Der Name Wirtemberg
schreibt sich von Wirt am Berg.
Ein Wirtemberger ohne Wein,
kann der ein Wirtemberger sein?“

Dem schwäbischen Dichterfürsten und Arzt Justinus Kerner, dem man 1929 sogar eine eigene Rebsorte – die Kreuzung zwischen Trollinger und Riesling – gewidmet hat, sagt man nach, er hätte täglich mehrere Liter Wein getrunken. Sein 1822 in Weinsberg erbautes Haus wurde zu einem der geistigen Zentren Württembergs. Das bekannteste Lied aus Kerners Feder ist neben dem Lied der Württemberger „Preisend mit viel schönen Reden“, das von Robert Schumann vertonte „Wohlauf noch getrunken den funkelnden Wein". Der Mann wusste, wovon er sprach. Aristophanes bringt es auf den Punkt: „Wein ist ein feuriges Ross für den heiter scherzenden Sänger, ein Wassertrinker zeugt doch nichts Gescheites.“

Wenn Theodor Heuss, der erste Bundespräsident, eine Rede zu schreiben hatte, beflügelte Lemberger seine Gedanken. „An mancher guten Rede bin ich eine Flasche lang gesessen.“

Ähnlich mögen es auch Friedrich Schiller und Friedrich Hölderlin gehalten haben. Am Neckar inmitten von Weinbergen aufgewachsen, gehörte Wein für sie zum Alltäglichen und Selbstverständlichen und wer weiß, ob die Muse sie auch ohne den Württemberger Wein geküsst hätte ...




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