Weinbau: Der lange Weg bis zum Genuss | Foto: DWI/Hartmann
Von Reben umschmust

Stuttgarter Terroir – Zusammenspiel von Boden, Klima und Wengerter

von Bernd Kreis


Ganz Stuttgart wird von Reben umschmust. Stolze 415 Hektar Rebland schmiegen sich um die Landeshauptstadt. Der Ring aus Weingärten reicht von hinter dem Hauptbahnhof bis mitten in das Herz der Großstadt. Kann es einen herzlicheren Beweis für die Zuneigung Stuttgarts zu seinem einstigen Haupterwerbszweig geben?

Kraftvoll: Die Arbeit in den Stuttgarter Steillagen ist anstrengend. Foto: Wulf Wager
Die Liebe zur Heimat und zu den Traditionen hält einen guten Teil des Weinbaus in Stuttgart am Leben, denn viele Weinberge, die ob ihrer Steilheit diese Bezeichnung weiß Gott verdienen, werden von Nebenerwebsweingärtnern in aufwändiger Handarbeit bewirtschaftet. Gerade diese steilen Terrassenweinberge in idyllischen, bisweilen ländlich erscheinenden Taleinschnitten bringen Besucher Stuttgarts zum Staunen und die Stuttgarter selbst immer wieder zum Schwärmen, denn die Weinberge Stuttgarts mit ihrer vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt sind beliebte Naherholungsgebiete. Natürlich sind die Hauptrollen fest an die Reben vergeben, doch in vielen Stuttgarter Terrassenweinbergen werden die Randbereiche und Mauerkronen noch immer liebevoll mit allerlei Blumen, Küchen- und Heilkräuter bepflanzt. Und die Mauern selbst bilden einzigartige Lebensräume für seltene Arten. Auch im Rathaus ist man sich des Werts dieser Kulturlandschaft bewusst. Die Weingärtner werden beim Erhalt und Wiederaufbau ihrer Trockenmauern finanziell vom Umweltamt unterstützt.



Mühevoll

Freiwillig würde wohl kein einziger Weingärtner eine Trockenmauer anlegen, denn dieses „G’schäft“ ist eines der mühsamsten, die es im Weinbau gibt. Die Natur, das Stuttgarter Terroir, erzwingt die Konstruktion dieser erstaunlichen Bauten geradezu. Beinahe das gesamte Spektrum der Keuperschichten wird in Stuttgarts Weinbergen abgebildet. Keuper kann man sich wie eine Torte mit vielen verschiedenen leckeren Schichten vorstellen. Hier sind die Schichten natürlich nicht aus Sahne, Früchten oder Marzipan, sondern allerlei Ablagerungen aus den Zeiten, als Württemberg noch auf dem Grund eines tropischen Meeres lag. Zuunterst steht Muschelkalk an, der im Cannstatter Zuckerle, einer der besten Lagen Württembergs, auch als Travertin sichtbar wird. Diverse Sandstein- und Mergelschichten, sowie Gipskeuper liefern über dem Muschelkalk in munterer Folge die Böden der Stuttgarter Weinberge. Weil diese Böden in Steillagen nur wenig Halt haben, müssen die Hänge mit Trockenmauern abgestützt werden, die dank ihrer Wasserdurchlässigkeit gleichzeitig raffinierte Drainagesysteme sind und mit ihren ungezählten Staffeln das Oberflächenwasser selbst größter Niederschläge in die richtigen Bahnen leiten.


Qualitätsvoll

Ganz nebenbei speichern sie viel Sonnenenergie in Form von Wärme, die den Trauben zu besonderer Reife verhilft. Überhaupt sind Stuttgarts Reben bevorzugt, denn sie profitieren ganz generell vom milden Großstadtklima. So ist Stuttgart der wärmste Rebstandort Württembergs. Steile Weinberge mit intensiver Sonneneinstrahlung, Trockenmauern, warmes Klima, ideale Böden. Da bleiben bei den Weingärtnern kaum Wünsche offen. Wenn in vergangenen Zeiten diese Vorzüge hauptsächlich zur Erzeugung großer Erträge genutzt wurden, stellen sie die heutigen Produzenten in den Dienst der Qualität. So werden Stuttgarter Erzeuger vom kleinen Nebenerwerbsweingärtner über Genossenschaften bis hin zu bundesweit bekannten Spitzenweingütern reichlich mit Auszeichnungen für ihre Weine bedacht.


Gehaltvoll

Dabei bleibt es bei weitem nicht bei den Traditionssorten Trollinger, Riesling und Kerner. Die besonderen Vorteile der Stuttgarter Lagen erlauben den Anbau einer umfassenden Vielzahl von edlen Rebsorten. Weder Cabernet noch Merlot sind hier fremd. Die Burgundersorten haben in Stuttgart schon lange eine Heimat, Lemberger fühlt sich hier ebenso wohl wie Sauvignon und Chardonnay. Jeder Weingärtner kennt die Besonderheiten seiner Parzellen und nutzt dieses Wissen, Rebsorte und Terroir in ideale Kombination zu bringen. Eine Stärke der Stuttgarter Wengerter ist der individuelle Umgang mit ihren Weinen und mit den Gegebenheiten ihres Terroirs. Letztlich ist auch die Flexibilität, die Anpassungsfähigkeit der Stuttgarter Weingärtner ein Teil des Terroirs. So werden Trollinger heute wieder vermehrt in Holzfässern zu recht gehaltvollen Tropfen ausgebaut und Chardonnay wie Merlot in Barriques aus französischer oder gar schwäbischer Eiche zur Perfektion gereift. Auf eine Phase technischer Hochrüstung der Weinkeller folgt heute die Rückbesinnung auf die besondere Bedeutung der Handarbeit im Weinberg und auf traditionelle Weinbereitung. So erhalten die guten alten Holzfässer unerwarteten Zuspruch und auch die uralte Methode der Spontangärung sehen führende Erzeuger nicht mehr als Risikofaktor an, sondern als Möglichkeit, die Eigenschaften der Weinberge, des Terroirs, noch stärker zur Geltung zu bringen als mit der Gärung durch standardisierte Reinzuchthefen.




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